16. Januar 2019 Doris Schöni 1Comment

Am Dienstag, den 15. Januar, strahlten zwei deutsche Sender einen Dokumentar- und einen Spielfilm über die Gräulentaten der Nazis im Zweiten Weltkrieg aus.

ARTE erzählt in „Das Geheimarchiv im Warschauer Ghetto“ die überwältigende Geschichte des jungen couragierten Historikers Emanuel Ringelblum, der im Warschauer Ghetto ein Untergrundarchiv initiierte und leitete, in dem Tagebücher und Fotos, NS-Verordnungen und jiddische Poesie gesammelt und vergraben wurden, um der Nachwelt ein authentisches Zeugnis zu geben – vom Leben im Ghetto und den Verbrechen der NS-Besatzer.

„Wer schreibt unsere Geschichte? Wie können wir sicherstellen, dass unsere Erlebnisse, unsere Traditionen, unser Leid durch unsere eigenen Zeugnisse und nicht nur aus der menschenverachtenden Perspektive der Nazis überliefert werden?“ Getrieben von diesen Fragen und Motiven haben der junge couragierte Historiker Emanuel Ringelblum und seine rund 60 Mitstreiter während des Zweiten Weltkriegs über Jahre hinweg ein Geheimarchiv im Warschauer Ghetto betrieben und gefüllt. Unter dem Tarnnamen „Oneg Shabbat“ („Freude am Sabbat“) sammelten und vergruben die Mitglieder der geheimen Vereinigung Fotos, Tagebücher, NS-Verordnungen und jiddische Poesie, um der Nachwelt ein authentisches Zeugnis vom Leben im Ghetto und den Verbrechen der NS-Besatzer zu geben. Nur drei von Ringelblums Mitstreitern überlebten den Holocaust, darunter Rachel Auerbach, aus deren Perspektive die Dokumentation erzählt wird. Dank ihrer Hilfe und Beharrlichkeit konnte nach Ende des Krieges in mehreren Suchaktionen ein Grossteil der Archivalien aus den Trümmern geborgen werden. Seit 1999 ist das Ghettoarchiv Weltdokumentenerbe der UNESCO. Der Film von Roberta Grossman schildert die Entstehungsgeschichte des Untergrundarchivs, über die Räumung des Ghettos bis zum Auffinden der vergrabenen Dokumente nach dem Krieg. Mit aufwendigen Spielszenen, zeithistorischen Aufnahmen, renommierten internationalen Experten und vielfältigen Auszügen aus den überlieferten Tagebüchern werden das alltägliche Leiden im Ghetto, der Hunger, die Verzweiflung und die leidenschaftliche gemeinsame Arbeit an einer eigenen, jüdischen Überlieferung veranschaulicht.
Für die noch immer den Holocaust leugnenden Antisemiten sollten solche Filme obligatorisch sein, da es sich um Originalhandschriften aus der Zeit des Warschauer Ghettos handelt. Dabei zeigt sich auch die wichtige Rolle von Archiven und Bibliiotheken, die Zeitzeugen be- und verwahren. Ohne Menschen mit Geschichtsbewusstsein wären möglicherweise diese Dokumente nicht mehr vorhanden. Wenn Geschichtsbewusstsein zu Geschichtsschreibung führt, ist es unbegreiflich, dass es Menschen gibt, welche die Authentizität von Fakten dementieren.
Der Westdeutsche Rundfunk zeigte den vierten und letzten Teil des Spielfilms „Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiss“, der im Jahr seiner Entstehung (1979) in Deutschland einen Skandal auslöste, weil es vielen deutschen privaten und öffentlichen Personen nicht gefiel, dass der Film in Hollywood produziert wurde. Auf der anderen Seite schien der Film manche deutsche Fernsehzuschauer aus der Lethargie des Holocaust-nicht-Wissenwollens in der Nachkriegszeit gerissen zu haben: Dank des Films begannen sie sich zu hinterfragen und mussten sich den Fragen ihrer Kinder und Enkel stellen. Für kurze Zeit stand der Holocaust in der Öffentlichkeit – bis er wieder in die Schlummerrolle zurück glitt.

Die „Geschichte der Familie Weiss“ habe Zuschauer zum Weinen gebracht, bemängelte die Kritik im Jahr 1979. Betroffene und nicht betroffene Menschen vergiessen wohl noch heute – 40 Jahre später – Tränen bei schrecklichen Szenen, die nie und nimmer altern dürfen. Obwohl von Sex-and-Crime- und auch Horrorfilmen abgehärtet, erschüttern die Nazigräuel auch in Spielfilmen.

One thought on “Zwei Beiträge am selben Abend über die Gräueltaten der Nazis

  1. Liebe Doris

    Ich lese alle Deine blogs, deren Inhalt sich mit unserer regelmässigen guten Korrespondenz fast deckt. Ich ziehe es vor, hier nic ht eingehender darauf einzugehen, aber sie sind sehr gut!
    Am liebsten wieder mündlich und persönlich.

    François

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