Deutchland zählt 30’000 Neonazis (bei 83 Millionen Einwohnern). Das scheint nicht alarmierend zu sein, ist es aber. Die 30’000 sind äusserst aktiv, demonstrieren, gebärden sich brutal und aggressiv, sind international bestens vernetzt und straff organisiert. Der deutsche Sender Pro Sieben strahlte ein „Spezial“ unter dem Titel „Rechts. Deutsch. Radikal“ aus, der aufweckte, aber immer sachlich blieb. Der TV-Journalist Thilo Mischke mischte sich während 18 Monaten unter die verschiedenen Rechtsgruppierungen und die AfD. Sein Fazit: „Die rechte Szene in Deutschland ist sehr gefährlich. Wie können Hass und Abneigung gegenüber Andersdenkenden ungefährlich sein?“ Auf die Frage eines Reporters, wie dem Rassismus zu begegnen sei, antwortet Mischke: „Die Antwort ist sehr einfach und zwar: Bildung. Es ist die Verantwortung unseres Landes, unserer Demokratie, sich um Bildung bis in den kleinsten Winkel dieser Republik zu kümmern. Es kann nicht sein, dass Rechte freiwillige Feuerwehren, Fussballvereine oder soziale Einrichtungen auf den Dörfern übernehmen, um dort ihre Ideologie wirken zu lassen. Wir müssen uns wirklich von der Schulklasse bis zum Klubhaus im Dorf, im Stadtteil, darum kümmern, dass die Menschen die richtige Bildung bekommen. Denn wer gebildet ist, der hat auch Empathie und der versteht, dass man so nicht handeln darf. Und wer so nicht handelt, will auch kein Rechter werden. Deswegen ist die Lösung einfach: Mehr Bildung“.
Thilo Mischke war mutig und unterhielt sich eingehend mit Vertretern der rechten Szene. Und einmal mehr zeigte sich, dass die meisten jüngeren Neonazis – im Unterschied zu den älteren Semestern – ausserhalb der Gruppe versuchten, vernünftig zu argumentieren und höflich zu bleiben. Die Gruppendynamik enthemmt immer.
Die TV-Dokumentation brannte Bilder und Aussagen ins Gedächtnis, die unauslöschlich sein werden. Nicht nur die „Wir sind das Volk“ und „Die Rechten sind stärker“ skandierenden, sonderbarerweise meist unansehnlichen und tätowierten Männer, allzeit bereit, dreinzuschlagen. Sie sind alle islamfeindlich – nach Mischke wie 50 Prozent der Deutschen. Sie alle möchten den Islam verbieten, wenn nötig die Muslime auch erschiessen. Obwohl der Antisemitismus nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust noch immer in den Köpfen der Rechtsextremen fest verankert ist, hat die Islamophobie an Wichtigkeit zugenommen. Möglicherweise haben die rechten Gruppierungen – ähnlich wie im Zweiten Weltkreig bei den Juden – nicht die leiseste Ahnung über die Geschichte, Kultur und Religion der muslimischen Bevölkerung, die in Deutschland lebt. Wobei Schnäppchen-Reisen in muslimische Länder ohne weiteres gebucht werden.
Eine sehr dubiose Rolle bei den Rechtsextremen spielt „Die Alternative für Deutschland“ (Kurzbezeichnung: AfD), eine rechtspopulistische, in Teilen rechtsextreme politische Partei in Deutschland, die 2013 als EU-skeptische und rechtsliberale Partei gegründet wurde. Sie dient den Rechten als Sprachrohr. Die AfD wird in der Pro Sieben-Dokumentation als „Wölfe im Schafspelz“ und „geistige Brandstifter“ bezeichnet.
Lediglich 75 Jahre nach Beendigung des Zweiten Weltkriegs driften – nicht nur in Deutschland – viele Menschen politisch nach rechts. Lediglich 75 Jahre nach dem mörderischen Zweiten Weltkrieg haben Menschen in Deutschland wiederum Grossmachts-Fantasien, trotz Hitlers feigem, erbärmlichen Scheitern. Und wiederum wird Hass gegen Menschen mit anderer Hautfarbe. Kultur, Lebensweise und Religion geschürt. Das ist nichts anderes als Dummheit, besser: mangelnde Bildung. Welche Chance, von ihnen zu lernen …