11. Dezember 2021 Doris Schöni 0Comment

In der klassischen Antike tauchen „Hexen“ als zauberkräftige Menschenfrauen wie Kirke und Medea auf, die mit Magie und Giften angeblich Menschen und Tiere verzaubern konnten. Der Begriff wird heute auch als abwertende Bezeichnung bzw. Schimpfwort für eine bösartige, zänkische, unangenehme oder hässliche weibliche Person benutzt.

In ungefähr zur selbigen Zeit trieb eine bösartige Hexe ihr Unwesen. Ihre Bösartigkeit blieb unübertroffen. Sie verzauberte nicht, sie tötete. Wenn ihr irgend ein Mensch aus irgend einem Grund nicht oder zu gut gefiel, lockte sie ihn in ein Netz aus Hanffasern, in dem er sich verhedderte und sog ihn aus. Mit dem Aussaugen übernahm sie dessen Inneres. Da sie hauptsächlich ebenso bösartige Wesen verzehrte, veränderte sie ihre Identität nicht merklich. Die Menschen jener Zeit fragten nicht nach dem Grund ihrer Bösartigkeit, die einfach als gottgegeben empfunden wurde. Ihre Opfer stammten aus höheren Schichten, die ihr besonders verhasst waren, da sie sich in ihrer Anwesenheit unwohl fühlte. Mit dem Aussaugen solcher Menschen hoffte sie, sozial aufzusteigen. So verschlang sie einen Burgerratspräsidenten, der ihre Einburgerung verhindert hatte. Die Trauer um den alteingesessenen Patrizier dauerte eine ganze Woche, in der die Stadt stillstand. Die Trauernden schworen Rache, diese Hexe musste gefasst und verurteilt werden.

Nach vielen Zuammenkünften und Gesprächen entwickelte ein junger Bibliothekar eine neue, erfolgsversprechende Strategie. Er riet, ihr ein Opfer zuzuhalten, das unschuldig, vorurteilslos, gebildet, loyal, gerecht, kurz: die Güte selbst war. Wohl wurden Bedenken geäussert, einen solchen Menschen aussaugen zu lassen, doch angesichts der augenblicklich brutalen Zeiten, in denen Mord und Totschlag an der Tagesordnung waren, einigte man sich zu dieser Lösung.

Die Hexe wurde aus ihrem morbiden Haus gelockt. Mit geblähten Nüstern witterte sie ein allfälliges Opfer, und in der Ferne entdeckte sie einen jungen, gutaussehenden Mann im Gewand eines Seckelmeisters. Sie näherte sich ihm, er erblickte sie aus zuversichtlichen blauen Augen und grüsste sie höflich. Mit einem lüsternen Schrei stürzte sie sich auf ihn und sog ihn aus, bis nur noch eine schlaffe Hülle von ihm übrig blieb. Die Hexe grunzte, hörte jedoch nach zehn Minuten auf zu grunzen und ihre verzerrten Gesichtszüge entspannten sich, sie schrumpfte im Umfang, streckte sich und begann zu lächeln, zu strahlen, zu funkeln.

Die bösartige Hexe gab es nicht mehr.

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