Diese Frage tauchte urplötzlich in den digitalen Medien auf. Dabei wurde unablässig Winston Churchill zitiert: „Wer mit 20 Jahren kein Kommunist ist, hat kein Herz. Wer mit 30 Jahren noch Kommunist ist, hat keinen Verstand!“
Viele Autoren sehen es als naturgegeben an, dass ein junger Mensch rebellischer, idealistischer und verwegener ist als in älteren Jahren. In mittlerem Alter, wenn er seine Identität gefunden, einen Beruf ausübt, eine Familie gegründet und seine Sturm und Drang Jahre hinter sich gelassen hat, ist er eher bestrebt, seine Errungenschaften zu bewahren, das heisst, zu konservieren.
Aber: dies hängt von seinen Genen, seinem Elternhaus, seinen Lebensumständen, seinen Freunden und seinen politischen Vorbildern ab. Je konservativer seine Eltern und seine politischen Vorbilder, je konservativer verhält er sich als erwachsener Mann, wobei dieser Mann auch in der Jugend kein Aufrührer war.
War aber eine Person schon in jungen Jahren aufrührerisch, politisch extrem, mit Konventionen und Gesellschaft auf dem Kriegsfuss, so wird er sich kaum im Alter zum Konservativen entwickeln.
Eine Frage, die keiner stellt und wohl auch keinen interessiert, ist jene nach der zunehmenden Radikalität beim Älterwerden. Zu beobachten ist oft die geriatrische Verhärtung. Eine kalte Altersradikalität, die der Publizist Alexander Kluge, selbst 83, unlängst „die Eindeutigkeit des Rentnerblicks“ nannte. Das vermeintliche Bescheidwissen von Leuten, die schon alles schon gesehen, alles durchschaut und ihre Schäfchen längst ins Trockene gebracht haben und von dem Wunsch geleitet sind, alles möge wieder so werden, wie es nie war. Die Psychoanalytikerin Margarete Mitscherlich war 92 Jahre alt, als sie sich fragte: „Verfolgen wir mit Radikalität als alte Menschen nicht auch das Ziel, wenn nicht jetzt, wann sonst wollten wir die Welt verändern?“
Offenbar werden Menschen mit zunehmendem Alter nicht konservativer als früher. Auch in der Jugend progressive Menschen bleiben in der Regel rebellisch, fortschrittlich und unkonventionell.