2. März 2024 Doris Schöni 0Comment

Bis dahin kannte ich das Wort Rhythmus vor allem aus der Musik. Jetzt benütze ich es nur noch in der Medizin. Der Rhythmus vom Essen und Erbreche steht mir nun am nächsten. Seit Wochen hatte ich die Gelegenheit, mich an ihn zu gewöhnen und nun ist er mir Überdruss geworden. Keiner, der eine solche Krankheit je erlebt hat, kann sich das wirklich vorstellen. Eine Triologie: Hunger, Essen, Übergeben oder eher: Kohldampf, Fressen, Kotzen und wieder Hunger, Essen, Übergeben wieder und wieder bis zur Bewusstlosigkeit. Vor zehn, nein vor zwei Jahren hätte ich viel gegeben, solch ein Syndrom zu haben. Abnehmen, ohne mich einzuschränken, ohne zu hungern, einfach so schnell dahin zu schmelzen, der dicke Bauch entrundet sich, die Seitenwülste rücken zurück, die Oberschenkel reiben sich nicht mehr gegeneinander, das Schienbein bekommt seine Form zurück.

Nun erwarte ich jeden zweiten Morgen bange den Wägestuhl und fürchte dessen Verdikt: Wieder zweihundert, vierhundert, ein Pfund oder mehr Gramm weniger, die Jeans schlottern um die eingefallenen Hüften und beim Gehen rutschen sie unerbärmlich nach unten, mit improvisierten Stricken geben sie etwas Halt. Wäre ich nicht hospitalisiert befände ich mich in Otto’s Warenposten und würde mich neu einkleiden, statt Grösse 42 müsste ich drei Nummern kleiner kaufen, was mich recht teuer zu stehen käme. Wie lautete doch die Losung? Blase weg, Nikotin weg, Alkohol weg, Süsses weg, Gefühle weg. Vernunft anstatt Übermut, Yogi-Drink anstatt Joint, Süssmost anstatt Wein, Whisky und Calvados, endlich ein erwachsenes Leben ohne Exzesse, Verzicht, Verzicht, bewusster Verzicht dank Einsicht, keine Schnellschüsse, die ich entschuldigen, bedauern, zurücknehmen müsste, mehr. Sie gar nicht mehr entstehen lassen, les crever dans l’oeuf. Geht doch. Spontaneität schadet nur.

Hat die sogenannte Normalität einen Rhythmus?

Ich werde tapfer sein und vor ihn treten: Ich komme, um mich zu verabschieden. Von nun an spiele ich in einer anderen Liga.  Der Vernunft-Liga.  Die Spannung wird nachlassen.  Das Erbrechen nicht. Nun spreche ich Babylonisch. Never mind. Merde. O je. Noch lebe ich. Rhythmus sei dank.

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