Kassiber: Ein Kassiber (aus dem Hebräischen entlehnt) ist eine geheimgehaltene schriftliche Mitteilung eines Gefangenen an andere Gefangene oder aus dem Gefängnis heraus an die Aussenwelt. Auch: heimliches Schreiben oder unerlaubte schriftliche Mitteilung.
Nur sie kennt das Substantiv Kassiber, der Kassiber. Die übrigen Festgesetzten sind entweder Ausländerinnen oder Frauen mit einem weniger gefüllten Bildungsrucksack. Sie wird auch oft zum Übersetzen beansprucht, spricht und schreibt sie doch ausser Deutsch, Französisch und Englisch auch Spanisch, Arabisch und Russisch. Diese Dienste werden durch besondere Privilegien vergütet, sie ist von körperlicher und handwerklicher Arbeit dispensiert und in ihrer Zelle wird das Licht nicht ausgeschaltet. Zudem ist ihr erlaubt, selbstverständlich mit Bewachung, Archive und Bibliotheken in der Stadt aufzusuchen. Sie ist bei Mitgefangenen und Aufsehern unbeliebt, denn sie macht sich über beide Lager lustig, weiss alles besser und ist arrogant, überheblich und eingebildet. Ihr Spott ist beissend und ihre Sprache anders als jene der Festgehaltenen und Festhaltenden.
Warum sie eingesperrt ist? Das weiss nur der Direktor und die Vizedirektorin und vielleicht noch die Ärztin und Psychologin. Sie selbst spricht nicht darüber, denn sie spricht ohnehin mit niemandem. Bei Gruppengesprächen erhebt sie manchmal das Wort zugunsten der Insassen, fordert Sprachkurse und Ausbildung für sie. Vergeblich.
Allmählich sickert durch, dass sie als Sozialarbeiterin in diesem Gefängnis Häftlinge bestochen hatte, Kassiber an die Aussenwelt zu schreiben, die sie dann weiterleitete. Es ging um Ungerechtigkeiten gegen kriminell vermutete Ausländer. Sie wurden von Ermittlern fälschlicherweise eines Deliktes beschuldigt, wobei die Ermittler als Rassisten bekannt waren. Sie wurde beim Hinausschmuggeln eines Kassibers erwischt und in Untersuchungshaft genommen.
Diese Haft erlaubt ihr, eine lange gehegte Publikation, nämlich „Der Hund auf bernischen Porträts bis 1850“, in Angriff zu nehmen.Sie kommt gut vorwärts, Dreiviertel des Buches, für das sie einen Verleger gefunden hat, ist bereits realisiert. Als ehemalige Gefängnismitarbeiterin ist sie eng befreundet mit der Psychologin der Institution. Sie überzeugt diese Psychologin, einen Kassiber nach draussen zu bringen. Wieder geht es dabei um Ungerechtigkeit gegen Ausländer.
Dieses Mal gelingt die Weiterleitung des Kassibers. Der zu Unrecht angeklagte Ausländer wird freigesprochen. Ein Journalist recherchiert und tituliert seinem Artikel: „Wer schreibt denn noch Kassiber?“