25. September 2020 Doris Schöni 0Comment

Wie gerade verlautet, sollen die Krankenkassenbeiträge wiederum – moderat, was heisst schon moderat? – gehoben werden, wobei es den Kanton Bern (unter wenigen, anderen Kantonen) am meisten betrifft. Dies empört, wenn man an die Gehälter der CEOs und die Prunkpaläste der Versicherugen denkt, erstaunt aber nicht angesichts der immensen Sorgen vieler Bürger um ihre Gesundheit. Hören Sie den Menschen zu in Restaurants, auf Spazierwegen und in privaten Kreisen. Jedermann scheint des Todes zu sein, ist ja eigentlich des Todes, wenn auch zu einem anderen Zeitpunkt.

Der gewöhnliche Süssmost ist im Begriff, der Gesundheitswelle zum Opfer zu fallen. Die Konsumenten lassen ihn auf den Gestellen liegen, denn sie wünschen sich nun verdünnten Apfelsaft mit weniger Kalorien. Gesundes Essen ist im 21. Jahrhundert in aller Munde (im doppelten Sinn). An diesem Trend verdient sich die Wirtschaft dumm und dämlich. Jeder Grossverteiler bietet gesunde Kost an, meist zu überrissenen Preisen. Während den letzten zwanzig Jahren lösten Gesundheitsberater bei jungen und alten Menschen Angst vor fast food aus, aber auch vor zu fetten zu salzigen, zu süssen, zu scharfen, zu exotischen Speisen. Der Begriff bio bekam einen Heiligenschein, obwohl alles, was in Haus und Garten wächst, ja bio ist.  Mit dem Bio-Wahn eroberten die regionalen Produkte den Markt. Kaum eine Bäuerin, die keinen Hofladen bewirtschaftet, deren Preise über dem Durchschnitt liegen und deren Kartoffeln so gesund aussehen, weil sie ungewaschen bleiben. Es gibt nun wieder verschrumpelte Äpfel, müde Salatköpfe und wurmstichige Pilze, das Gegenteil von dem, was während vierzig Jahren gefordert wurde.

Dazu gesellt sich auch die Ablaufdauer-Guillotine. Jedes Produkt, das wegen eines Tages die Ablaufzeit überschreitet, muss weggeworfen werden, dies apropos Food Waste. Ungeachtet der Tatsache, dass gewisse Grossverteiler vor Festtagen die Ablaufdaten auf später verschieben, die Ablaufdaten also arbiträr ausfallen, halten die autoritätsgläubigen Käufer an solchen Daten fest.

Was das alles mit dem Gesundheitswahn zu tun hat? Seit Jahren wird den Menschen eingebläut, dass gesundes Essen das Leben verlängert und weniger Krankheiten verursacht. Reklamen propagieren „Du bist, was Du isst“, jedes Produkt, ob zum Essen oder Einschmieren, verspricht Gesundheit, verlängertes Leben, jugendlich gesundes Aussehen und verbesserte Beschwerden. Es scheint, als ob die Schweiz nur über kranke, verrunzelte und leidende Menschen verfüge. Eltern verbieten ihren Kindern Coca Cola, füttern sie aber mit Ritalin. Empfohlen werden Fooby, Eat Smarter, gesunde Rezepte, gesundes Essen, ausgewogen Kochen, Issgesund.de, Low Carb, Low Fat, Rohkost undsoweiter undsofort.

Es gibt wohl noch keine Statistik über Menschen, die mässig Alkohol getrunken, nie geraucht (und geschweige gekifft), gesund gegessen und gesund gelebt (regelmässiges Essen und Schlafen) haben, man weiss nicht, ob sie länger und besser leben, unter weniger Altersbeschwerden leiden und fit und stramm ihren hundertsten Geburtstag feiern. Es wäre ja in fernerer Zukunft auch möglich, durch ein individuell angelegtes Ersatzteillager abgenützte und erkrankte Organe wie Herz, Lunge, Leber, Niere, Bauchspeicheldrüse, Darm, Haut, Gehörknöchelchen und die Hornhaut im Auge zu ersetzen, ebenso wie die Röhrenknochen, Oberarmknochen, Elle, Speiche, Oberschenkelknochen, Schien- und Wadenbein, Fingerknochen, platte Knochen am Schädel sowie als Rippen, Schulterblatt, Brustbein, Becken, Handwurzelknochen etc. Wenn man aber das alles auswechseln kann, müsste man gar nicht so gesund leben … .

Die „Zeit“ veröffentlichte einen Bericht über „Der Gesundheitswahn ist die neue Religion“ (Manfred Lütz,

Das Phänomen der Cyberchonder ist im Internet weit verbreitet. Diese Netz-Hypochonder suchen nach Gesundheitsproblemen und befeuern ihre Ängste damit weiter. Hypochonder befragen in ihrer Panik meist Ärzte, Cyberchonder das Internet. Heutzutage werden Nahrungsmittel oft vorschnell für ein Unwohlsein verantwortlich gemacht. Die Wissenschaftsjournalistin und Autorin des Buches „Der Feind in meinem Topf“, Susanne Schäfer, schreibt über «Sensibelchen», die Ernährung als Ersatzreligion proklamieren. Ernährung sei Image und Statement. Ein neues Statussymbol. Neben den Selbstdiagnosen kritisiert Schäfer vor allem die Legenden über böse Lebensmittel sowie Menschen, die keine wirklichen, sondern lediglich gefühlte Unverträglichkeiten und Allergien haben. Es fände gerade ein regelrechter Gesundheitswahn statt.

Zum Schluss noch einige sehr prägnante Sätze von Manfred Lütz (Psychotherapeut und Theologe): „Viele Leute glauben nicht mehr an den lieben Gott, sondern an die Gesundheit. Früher hat man gefastet, um in den Himmel zu kommen. Heute fastet man, um möglichst spät und möglichst gesund in den Himmel zu kommen. Die uralte Sehnsucht des Menschen nach ewigem Leben, nach ewiger Glückseligkeit ist unverändert. Aber da man sich zumindest in Mitteleuropa angewöhnt hat, auf den eigenen spirituellen Wurzeln, also auf Christentum und Kirchen, herumzutrampeln und sich mit Buddhismus aus der Dose begnügt, geht die Sehnsucht ins Leere. Daher versucht man, das ewige Leben auf Krankenschein zu bekommen. – Aber mal so richtig ungesund, lecker essen, kalorienreich, fettreich, ein guter Wein dabei – das muss doch erlaubt sein. Die Freiheit einer freiheitlichen Gesellschaft beinhaltet auch die Freiheit zum ungesunden Leben. – Die existenzielle Angst vor dem Tod charakterisiert den Menschen. Die Angst vor der Vernichtung, davor, dass das alles hier sinnlos ist. Der Mensch ist das einzige Tier, das weiss, dass es stirbt. Die Bewältigung dieser Todeserfahrung war bisher Aufgabe der Religion. In einer so religionsmüden Situation, wie wir sie im Moment in Mitteleuropa haben, fehlt vielen der Trost des Christentums. Deshalb äfft man Religion nach. Wie beim Ablasshandel hofft man auf den Segen des neuen Doktors und tut gute Werke für die Gesundheit. – Die Menschen leben ja heute kürzer als im Mittelalter. Der mittelalterliche Mensch lebte sein diesseitiges Leben plus das ewige Leben. Psychologisch war der Tod für ihn nur ein Durchgangspunkt zum ewigen Leben. Doch heute ist für viele Menschen das Leben zusammengeschnürt auf diese kurze irdische Lebenszeit. Im Wartesaal des Lebens ist der Tod ausgebrochen, der endgültige Tod ohne Wenn und Aber. Und das führt zu dieser gesundheitsfrommen Hektik. – Die Angst vor dem Tod treibt Leute zum grössten Unsinn. Inklusive des ganzen esoterischen Quatschs. Wer nichts mehr glaubt, glaubt alles. Das ist natürlich auch eine riesige Geschäftemacherei. Die Gesundheitsreligion ist die mächtigste und teuerste Religion aller Zeiten. – Das ungesunde Leben armer Menschen wird diskriminiert, und zwar mit moralischem Zeigefinger. Es gilt als asozial, keinen Sport zu betreiben oder Pommes zu essen. Es wird auch immer behauptet, das belaste das Gesundheitswesen. Das ist Blödsinn. Im Gegenteil, wenn jemand mit 41 am Bronchialkarzinom stirbt, kostet der die Solidargemeinschaft mutmasslich weniger, weil er die ganzen teuren Alterskrankheiten nicht mehr entwickelt und keine Pension bezieht. Nimmt man das ökonomische Argument ernst, müsste das ja dann bedeuten, dass jemand, der nachweislich raucht, säuft und auch sonst ein schlechter Mensch ist, weniger Krankenkassenbeiträge zahlen müsste, als wenn jemand solidaritätsschädigend Körner isst und sich fit hält. Und damit wird klar: In Wirklichkeit geht es nicht um Ökonomie, sondern um einen volkspädagogischen Ansatz. Man möchte die Menschen zwingen, gesund zu sein“. (Die Presse, 27.05.2012).

 

 

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