Vor allem aber: An was erinnert sich der Mensch am ehesten? Was bleibt ganz nahe am Bewusstsein? Welche Erinnerung ist immer zum Abruf bereit? Sie muss Glücksgefühle hervorrufen, muss angenehm und erfüllend sein.
Meine Schwester empfindet Glücksgefühle, wenn in einer TV-Sendung der Verantwortliche einer auf viertausend Meter über Meer liegenden Berghütte vorgestellt wird, der Sohn ihres langjährigen Skilehrers aus Zermatt. Für sie ist das eine Familiengeschichte. Der Sohn ihres Skilehrers, den sie vielleicht damals als Kind wahr genommen hat. Als Sohn ihres Skilehrers ist er gleichsam ihr Sohn. Obwohl sie ausser Skifahren mit dem Skilehrer nichts gemein hatte, löst – selbst der Sohn – positive Gefühle in ihr aus. Er erinnert sie an eine Zeit, in der sie äusserst sportlich war, eine glückliche Zeit, die nun vorbei ist. Diese fast extreme Sportlichkeit bedeutete ihr sehr viel: unsportliche Menschen waren ein Gräuel für sie. Sie definierte sich über ihre Sportlichkeit, und nun muss es für sie eine schreckliche Strafe sein, dieser Sportlichkeit verlustig geworden zu sein. Es ging ihr bei dieser Sportlichkeit nicht um Erfolg, sie musste sich darum bemühen, sie erkrampfen. Vielleicht klammert sie sich deshalb an eigentlich unbedeutende Erinnerungen, wie jenen des ihr nicht persönlich bekannten Hüttenwarts, Sohn ihres ehemaligen Skilehrers … .