Der griechische Philosoph Platon (427–347 v. Chr.) sollte heutzutage als Vorbild dienen. Er empfahl, Philosophen an die Spitze des Staates zu setzen und warnte vor Populisten: „Eine zentrale Rolle spielen jedenfalls schlaue Populisten, die den Vermögenden den Besitz wegnehmen, dem Volk verteilen und selbst den grössten Teil davon für sich behalten. Und da das Volk die Tendenz hat, immer einen einzelnen Anführer besonders zu hegen und gross zu machen, geht dann aus dem skrupellosen Demagogen, der sich der Menge durch das Versprechen von Schuldenerlass und Neuverteilung des Landes als Helfer des Volkes andient, der Tyrann hervor“.
Im 5. Buch der „Politeia“, in Platons grosser Utopie von einem gerechten Staat, heisst es: „Wenn nicht entweder die Philosophen Könige werden oder die, welche jetzt Könige heissen, echte und gründliche Philosophen, und so Macht und Philosophie im Staate zusammenfallen, so gibt es keine Erlösung vom Übel für die Staaten, ich glaube auch nicht für die Menschheit.“ Und: „Die Staaten blühen nur, wenn entweder Philosophen herrschen oder die Herrscher philosophieren. Die beiden obersten und staatstragenden Stände sind die Philosophen und die Wächter oder Krieger. Die Philosophen haben die oberste Leitung des Staates inne. Sie betreiben also die Politik, indem sie die Leitlinien – die Prinzipien – festlegen, nach denen Politik betrieben werden soll. Dabei stützen sie sich ab auf Wissen, das auf einer Gesamtschau von Mensch und Gesellschaft beruht. Es handelt sich also um Philosophie, genauer um Politische Philosophie“.
In den schweizerischen Räten politisieren vor allem Juristen, Ökonomen und Vertreter der Bauernschaft. Philosophen haben keinen Platz in der Politik. Wie auch beim grössten Teil der Bevölkerung sind Intellektuelle verpönt, der Mann von der Strasse bevorzugt einfache, hemdsärmlige Politiker, die sprechen, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Mit deren holpriger Sprache können sie sich identifizieren, und indem sie sich identifizieren, vertrauen sie ihnen.
Die letzten nationalen Wahlen haben gezeigt, es genügte, grün, zu sein um in den Nationalrat gewählt zu werden. Eine sehr junge, frisch gewählte Frau sagte, nach ihrem Leistungsausweis befragt, sie sei Mami. Also von Wissen, das auf einer Gesamtschau von Mensch und Gesellschaft beruht, weit entfernt. Wo sind sie wohl geblieben, die Philosophen?