Mir scheint, der Mensch sei heute an seine intellektuelle Grenze gestossen. Spiralenförmig stösst er immer wieder an dieselbe Decke. Wie ist es sonst möglich, dass die Menschen politisch rechten Strömungen folgen, der Doktrin „Recht und Ordnung“ huldigen, lieber streng geführt als frei bestimmend leben, sich Diktatoren unterziehen und sich belügen lassen?
Das Selbstbewusstsein der neuen Rechten wächst. Während sie noch vor 20-30 Jahren im Geheimen wirkten, wagen sie sich nun unvermummt auf die Strassen, singen „Sieg Heil“ und skandieren „wir sind das Volk“. Sie bekennen sich zu Nationalismus und Rassismus. Und antisemitische Töne werden wieder laut. Die Toleranz gegenüber „Fremden“ wurde aufgeweicht, man will sie nicht mehr und möchte unter seinesgleichen leben.
In beinahe allen europäischen Staaten hat die Rechte in den Regierungen Einzug oder selbst die Mehrheit erhslten, so in Italien, Frankreich, Deutschland, Spanien, Holland, Schweden, abesehen davon Ungarn, Polen, Moldawien und natürlich auch die USA. Ein langer Bericht über die Lage in Israel enthüllt, dass die Mehrzahl der israelischen Jugendlichen politisch rechts stehen, wesentlich konservativer als ihre Eltern sind, überhaupt kein Verständnis für einen Doppelstaat Israel-Palästina haben und die Palästinenser am liebsten aus dem Land jagen möchten. Laut einer neuen Studie des Israel Democracy Institute bezeichnen sich heute über 70 Prozent der jüdischen Israeli zwischen 18 und 24 Jahren als rechts. Sie verhalten sich ähnlich wie europäische junge Menschen, denen die Gräuel des Nationalsozialismus verschwiegen wurden. Dass es in Israel anders ist, hat verschiedene Gründe. Die jüngste Wählergruppe hat den Friedensprozess in den 1990er Jahren nicht miterlebt. Die Osloer Abkommen, deren Basis die Zweistaatenlösung war, scheiterten vor ihrer Zeit. Diese Israeli haben nicht gesehen, wie Yitzhak Rabin und Yasir Arafat in Oslo miteinander verhandelten, Hände schüttelten und Verträge unterzeichneten. Die Jungen der Generation Z wurden geboren in der Zeit der zweiten Intifada (2000 bis 2005), während deren Hunderte von Israeli bei Terroranschlägen ums Leben kamen. Sie haben erlebt, wie die Hamas Israel nach dem Abzug aus Gaza 2005 mit Raketen beschoss, und lehnen weitere territoriale Konzessionen deshalb ab. Die Jungen trauen den Palästinensern nicht. Die verhältnismässige Ruhe im letzten Jahrzehnt hat daran nichts geändert. Das Misstrauen wird verstärkt dadurch, dass es kaum mehr Kontakte zwischen jungen jüdischen Israeli und Palästinensern gibt. Israel und das Westjordanland sind heute durch eine Mauer getrennt. Junge Israeli übertreten die grüne Linie ins besetzte Westjordanland kaum jemals, wenn sie nicht selbst in einer Siedlung leben. Palästinenser aus den besetzten Gebieten kennen sie keine, und selbst mit den in Israel lebenden Arabern gibt es im Alltag wenig Interaktion.
(sofatutor Magazin Schüler*innen): Die Einteilung zwischen links und rechts geht auf die Sitzordnung der französischen Abgeordnetenkammer von 1814 zurück. Vom Präsidenten aus betrachtet, sassen auf der linken Seite die Parteien, die eine politische und gesellschaftliche Veränderungen anstrebten. Auf der rechten Seite befanden sich die Parteien, die die Verhältnissen erhalten wollten. Unter linker Politik wird allgemein die Anstrebung sozialer Gleichheit verstanden. Dabei steht die Freiheit der Allgemeinheit über der individuellen. Mit linken Werten verbinden Menschen nicht nur Gleichheit, sondern auch Gerechtigkeit, Formlosigkeit, Wärme, Nähe, Spontaneität, das Internationale und Kosmopolitische und das „Du“.
Im Gegensatz dazu geht die politische Rechte von einer Ungleichheit der Menschen aus und befürwortet eine Hierarchie mit traditionellen Werten und Normen. Dabei ist die individuelle Freiheit wichtiger als die soziale Gleichheit. Mit rechten Werten verbinden Menschen neben Betonung der Unterschiede, Distanz, Autorität, Disziplin, geregelte Umgangsformen, das Nationale und das „Sie“.
Weitere Abstufungen im politischen Spektrum:
Rechtsextreme wollen die Demokratie abschaffen. Für sie ist nur das eigene „Volk“ wichtig. Sie lehnen Ausländer und Andersdenkende ab und sind bereit, mit verbaler und körperlicher Gewalt gegen diese vorzugehen. Sie stellen die Gleichheit aller Menschen in Frage. Um ihr Ziel zu erreichen und Menschen von ihrer Ideologie zu überzeugen, ziehen sie häufig Verschwörungstheorien heran, die an den Faschismus und Nationalsozialismus anknüpfen. Bei rechtsextremistischen Gruppierungen spricht man von Neonazis, also neuen Nationalsozialisten.
Auch Linksextreme lehnen die demokratische Ordnung ab und fordern stattdessen ein „herrschaftsfreies“ System. Sie verfolgen komplett gegensätzliche Ziele als Rechtsextreme und bekämpfen diese („Antifaschismus“). Der Linkextremismus basiert auf der Vorstellung, dass das bestehende politische System die Menschen ausbeutet und unterdrückt. So ist das oberste Ziel der Linksextremen, diese „Ausbeutung“ und „Unterdrückung“ zu bekämpfen – auch mit Gewalt.
All diese Informationen geben keine Antwort auf die Frage nach der Zunahme von rechts stehenden Menschen. Was hat diesen Trend ausgelöst? Haben Corona und der Krieg in der Ukraine mit allen seinen Konsequenzen eine Verunsicherung in den Menschen verursacht? Eine Verunsicherung, die nach autoritären Strukturen sucht?