11. Oktober 2021 Doris Schöni 0Comment

Als ich jung war, hielt ich Dreissigjährige für alt. Im Laufe der Jahre, der Jahrzehnte, verringerte sich der Unterschied, bis ich keinen mehr zu entdecken vermochte. Wenn ein Mensch mit achtzig Jahren denkt wie ein Vierzigjähriger, wird er mit einem Kopfschütteln abgewimmelt. Als ich einem jungen Menschen aus einem verschiedenen Kulturkreis beim Kauf eines neuen Handies bitte, die klassische Musik von meinem alten auf mein neues Handy zu  überspielen, schüttelt er den Kopf: „Die Songs kannst du neu aufnehmen“. Ich werde wütend und zische: „Das sind keine Songs, das ist klassische Musik“. Er antwortet freundlich: „Eben, die Songs“. Meine Wut betrifft nicht den Secondo, sondern die Ignoranz der heutigen Jungen, die von klassischer Musik keine Ahnung haben.

Ist es nicht sonderbar, dass ich glaube, halb  so alt zu sein, wie ich wirklich bin? In meiner Epoche wäre ich wahrscheinlich mit achzig wie vierzig gewesen; heutzutage sind die Unterschiede viel grösser. Die jungen Leute sprechen und denken anders. Es gibt einige darunter, welche die unbeholfene und fehlerhafte Sprache der Ausländer, Asylbewerber und Secondos, imitieren. Dass uns die Jungen mit ihren fabelhaften elektronischen Kenntnissen überlegen sind, bewirkt nicht Neid, sondern eher Mitleid. Was entgeht diesen Jungen alles wegen ihres ständigen Blickkontakts mit dem Handy. Mit den Jahren werden sie seelenlos sein wie die Elektronik, die ihnen zur Verfügung steht.

Das bringt mich zurück auf den Titel dieses Schreibens. Wenn man alt ist – das erfahre ich fast jeden Tag – wird der „Weg“ (des Lebens) immer enger, immer schmaler, immer steiniger, bis er abrupt vor einem Abgrund endet. Geht man trotzdem weiter, droht der Absturz. Also kehrt man um – resigniert.

Am 8. August schrieb ich einen Blog „Alt, taub, fast blind, zahnlos, rebellisch“. Der letzte Satz lautete: „Können Sie sich die Notlage der über 90-Jährigen vorstellen? Ist das nicht amtlich bewilligte Folter? Nun ist die alte Frau gestorben, und zwar  kurze Zeit nachdem eine junge Pflegende sie ins Gesicht schlug (die Pflegerin wurde inzwischen entlassen). Diese Ohrfeige hat die Aufsässigkeit der 90-Jährigen gebrochen, nun wollte und konnte sie ihr Leben nicht mehr mittels Rebellion verlängern. Mit Zeichen einer Ohrfeige im Gesicht ging sie auf die Reise in die Vergeblichkeit … .

 

 

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