Es wäre so romantisch gewesen. Eine Liebesgeschichte aus dem 19. Jahrhundert zwischen einer jungen, reichen Deutschen und einem aus armer Familie stammenden Lehrer aus dem Kanton Freiburg-Fribourg.
Der Text war sozusagen geschrieben. Eine grosse Liebe im Melchenbühlgut in Gümligen. Voller Dramatik: Das einzige Kind aus dieser Verbindung starb mit vier Jahren. Annahme: Dieser Tod schweisste das Ehepaar zusammen. Mitnichten.
Der Pächter der Landwirtschaft in der fünften Generation zerstörte diese Idealvorstellung. Seine Urgrossmutter hatte unschöne Geschichten über dieses Paar hinterlassen, mündliche Überlieferung. Einsam und unglücklich wie die Gutsherrin war, hatte sie die Urgrossmutter als Vertraute auserkoren. Zu jener Zeit – in der Mitte des 19. Jahrhunderts – war ein solch vertrautes Verhältnis zwischen Herrrin und Befehlsempfängerin ein sozialer Stilbruch, abgesehen davon war die Gutsherrin als sehr sozial eingestuft.
Was sie erzählte, war alles andere als eine Liebesgeschichte. Nach der hastig vollzogenen Heirat entpuppte sich ihr Gatte als ungehobelter, jähzorniger Rüppel mit entsetzlichen Wutausbrüchen, bei denen er jeweils die Wohnzimmereinrichtung in Stücke schlug. Zudem behandelte er als Gutsbestzer, den er dank der Hochzeit geworden war, seine Arbeiter sehr schlecht. Diese liefen ihm trotz Arbeitslosigkeit davon. Der Meisterknecht versuchte, den Besitzer mit einer Sense zu beseitigen, doch wurde er von den anderen Angestellten in letzter Minute daran gehindert.
Nachdem der letzte Arbeiter gekündigt hatte, suchte der Besitzer des Melchenbühlgutes Rat bei seinen Freunden, den burgerlichen Besitzern der Schlösser Muri und Wittigkofen. Sie rieten ihm, den Landwirtschaftsbetrieb zu verpachten, anstatt ihn selber zu führen, was dann auch geschah.
Der Text musste umgeschrieben werden. Anstatt der „glücklichen“ Ehe heisst es nun „unglückliche“ Ehe. Ist es nicht sonderbar, dass man als Schreiberling angesichts einer solchen Konstellation („reiche junge Frau“ verliebt sich in einen „armen Lehrer“) seine eigenen Projektionen als gegeben wahrnimmt?
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