15. Februar 2022 Doris Schöni 1Comment

Ein gemeinsames Projekt, besonders, wenn es nicht uneigennützig ist, eröffnet unvermutete Perspektiven auf die Mitglieder des Teams. Bei Stresssituationen, aber auch beim geselligen Zusammensein, zeigen sich Charakter und Mentalität. Einige Augenblicke genügen und der eine und die andere stehen entblösst da.

Das Kontrollfreak, das den ganzen Betrieb „im Griff“ haben will, ein Perfektionist, der alles (besser) weiss, sich sehr engagiert, viel arbeitet, sein beruflicher Hintergrund ist imposant, ein Teil des Teams will aber davon nichts wissen, aus Neid, aus Minderkeitsgefühlen, die ja den Neid erzeugen. Dabei ist zu bemerken, dass es Mitarbeitende hat, die geistig tätige Menschen verpönen.

Der gute Geist – oder müsste man heute schreiben: Geistin? – des Betriebs. Sie ist die perfekte Gastgeberin, hat immer neue Ideen und Improvisieren liegt ihr im Blut. Sie bemüht sich mit Charme und Schalk um die Gäste. Mit demselben Charme und Schalk, oder müsste man schreiben: Bonhomie? – kümmert sie sich um das Team, ihre Schützlinge, die sie bei Laune halten möchte, wobei sie kritisiert, wenn es etwas zu kritisieren gibt und lobt, sooft es etwas zu loben gibt. Da sie allen gerecht sein möchte, geschehen im Eifer der Gefechte mitunter Ungerechtigkeiten. Sie ist harmoniebedacht, und das gute Gelingen des Betriebs ist äusserst wichtig für sie.

Es gibt auch die Gruppe von Handarbeitenden, die technisch sehr versiert sind, Alleskönner im praktischen Bereich und deshalb ziemlich selbstbewusst. Sie sind laut, brüllen sich an, fünf Minuten später umarmen sie sich. Sie glauben sich unabhängig und freiheitsliebend, erkennen aber nicht, dass auch sie abhängig sind und ihre Freiheit beschränkt ist. Künstler und Intellektuelle lehnen sie ab, da diese meist ausserhalb des Mainstreams stehen.

Einige Frauen, die hin und wieder unter Stress die Nerven verlieren, weinen oder ein Schimpfwort ausstossen, das ihnen übel genommen wird. Es sind arbeitende Frauen, die ihre Freizeit für den Betrieb, der keine Bewandtnis mit ihren Berufen hat, opfern.

Sehr originell ist ein Naturkind, ein in einer anderen Epoche lebender Mann, der sein schiefes Häuschen mit eigenen Händen gebaut hat, darin ohne Heizung, fliessendem Wasser in einer atemberaubenden Umgebung lebt. Offenbar ist das Mittelalter sein Hobby, und er sollte unbedingt die Chroniken von Diebold Schilling ansehen, um das Mittelalter in vielen Bereichen kennen zu lernen.

Und dann diese Frau, immer griesgrämig und ständig kritisierend. Sie überschätzt sich, ist eingebildet, überheblich, distanziert, elitär, sie hasst das Duzen, möchte Kultur in den Betrieb bringen, was man ihr versagt. Man wirft ihr vor, dem Berieb schaden zu wollen, im Hintergrund aber – sie ist kein Teamplayer – arbeitet sie jeden Tag zuverlässig und trägt zum guten Gelingen des Betriebs bei.

Entblösst? Viele diplomatische Feigenblätter kleben auf der Blösse. Es handelt sich schliesslich um ein gemeinsames Projekt. Wo kämen wir denn hin, wenn jeder vom Team seiner Befindlichkeit Ausdruck geben würde? Vielleicht aber wäre eine ehrliche „Kropfleerete“ein Segen für den Betrieb?

One thought on “Von Menschen und Menschen

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