18. August 2020 Doris Schöni 0Comment

Jedes Volk hat die Regierung, die es verdient (Joseph de Maistre, 1753-1821, französischer Philosoph). Kann man das auch von Hunden – also: Jeder Mensch hat den Hund, den er verdient – sagen? Es ist anzunehmen, dass die Rassenwahl gewisse Menschen entlarvt. Andererseits ist es möglich, dass Hunde, die in einigen Kantonen als gefährlich eingestuft werden, die liebsten, zärtlichsten und unaggressivsten Tiere sind. Sind Gene oder Erziehung für das Wesen des Hundes entscheidend?

Hundeschulen sind bei der Erziehung des ersten Hundes sehr lehrreich. Sollten weitere Hunde folgen, kann man getrost auf sie verzichten. Wenn Hundebesitzer von ihren Hunden erzählen, ist das Verb „folgen“ das am häufigsten benützte. Mit „folgen“ meinen sie gehorchen. Ein Hund müsse gehorchen, heisst es. Was bedeutet dieses Verb in seinem wahrsten Sinn? Der Hund soll Befehle ausführen. Er muss sich dem Willen seines Besitzers unterziehen. Da die Natur lediglich den Menschen mit Stimmlippen ausgerüstet hat, ist es dem Hund versagt, zu sprechen. Es ist ihm also nicht möglich, auf Befehle zu antworten. Je autoritärer ein Mensch ist, desto autoritärer behandelt er seinen Hund. Ein Mensch schreit herum und je lauter er schreit, desto mehr amüsiert sich der Hund. Das Schreien empfindet er als Aufforderung zum Spielen. Spricht man jedoch ganz leise zu ihm, hört er zu. Anekdote: Vorführung eines Dog Dancings. Eine ältere Frau kommandierte ihren schwarzen Labrador schon vor der Aufführung herum, ein demütigendes Schauspiel für den Hund. Als die Reihe an ihr war, versuchte sie, mit dem Hund zu tanzen, doch dieser büxte aus. Die Frau schrie und schrie, aber der Labrador dachte nicht daran, zu seiner Meisterin zurück zu kommen. Kluger Hund … .

Jene Menschen, die ihren Hunden als Freunde begegnen, wünschen sich vor allem, dass ihren Vierbeinern nichts Schlechtes passiert. Ihre Erziehung beschränkt sich also auf den Schutz des Tieres. Ob der Hund auf Kommando sitzt und liegt, hat keine Wichtigkeit für sie. Sie lehren ihrem Hund, auf einen Ruf zu zu reagieren, zum Beispiel „Achtung, Auto“, „Pass auf, Gefahr“, „Nichts fressen, bitte“, „Komm zu mir, bitte nicht auf die Strasse gehen“, etc. Wobei das „Bitte“ weder Luxus noch Allüre ist. Es ist auch wichtig, Worte – anstatt Befehle – zu erfinden, die oft wiederholt werden und sich deshalb dem Hund einprägen. Meine Hündin ist zu Dreivierteln ein Border Collie und zu einem Viertel ein Appenzeller, der sich durch ihr vieles Bellen verrät. Hat sie eine Bell-Attacke sage ich ganz ruhig „Leila, Belltag“ und sie hört augenblicklich auf damit. Würde ich brüllen „Hör auf“, „Nicht bellen“, „Fertig Bellen“, würde sie fröhlich weiterbellen. Mir scheint, dass Hunde heutzutage weniger gedrillt werden als früher. Kadavergehorsam gehört in die Vergangenheit. Man sieht selten Hunde, die wie willenlose Kadaver sich duckend mit ihren Besitzern auf gleicher Höhe gehen. Seit einigen Jahren erkennt man Absolventen von Hundeschulen an ihrem Befehl „kehren“, mit dem sie „umkehren“ meinen. In welcher Hundeschule dieser Ruf entstanden ist, der von den anderen Hundeschulen übernommen wurde, ist nicht bekannt.

Im Tierheim Oberbottigen werden älteren Menschen keine Hunde vermittelt. Das ist bedauerlich, kommt es doch auf die Fitness des Hundehalters und nicht auf sein Alter an. Es gib eine Menge von Menschen über 70 oder 80 Jahre, die täglich ihre Hunde während 2 oder 3 Stunden ausführen. Dagegen finden sich jüngere Hundebesitzer, die ihre Tiere kaum ausführen. Ihnen sollte man die Hunde aberkennen. Wie jener Hundehalterin, die nachmittagelang in einer Beiz sitzt und ihre wohlgepolsterten Vier Buchstaben nicht erhebt, um ihre Hunde zu bewegen.

Die Freundschaft mit Hunden ist ein Geschenk des Lebens. Aber ach dieses Geschenk hat einen grossen Makel. Den Makel der Kurzlebigkeit des besten Freundes des Menschen. Jeder Hundebesitzer muss mindestens einen Verlust schmerzlich erleben. Und das Gefühl, es sei schlimmer einen Hund als einen Menschen zu verlieren, kommt einer Blasphemie gleich. „Aber es war oder ist ja nur ein Hund“, beschwichtigen Aussenstehende, Hundelose. In China und Südkorea werden Hunde geklont. Das Klonen kostet zwischen 50’000 und 100’000 Dollar, die Welpen sind nicht völlig identisch mit dem Original, und zwar weder körperlich noch charakterlich.

Sind Hundebesitzer bessere Menschen? Nein. Es gibt so viele Kotzbrocken unter ihnen wie bei den Hundelosen. Aber auch die Reizenden unter ihnen sind Legion. Hundebesitzerinnen mit männlichen Exemplaren sehen sich oft als verlängerten Arm ihrer Gatten, Freunden und Liebhabern. Sie verteidigen die Männlichkeit schlechthin. Anekdote: Als meine Hündin (zu früh, also vor der Möglichkeit der Unterbindung) läufig wurde, wurde ich gewahr, dass kein Unterschied zwischen Frauen und weiblichen Hunden existiert. Die läufigen Weibchen müssen bei Spaziergängen an die Leine genommen werden, nicht die Männchen. Als ich es wagte zu bemerken, warum die Rüden nicht zurückgerufen werden können, schrie mich eine der Besitzerinnen an: „Als meine Hündin läufig war, ging ich 5 Uhr morgens mit ihr auf dem Gurten spazieren“. Darauf konnte ich mich nicht zurückhalten zu fragen, warum sie ihre Hunde nicht kastrieren. Ein Sturm der Entrüstung der Besitzerinnen männlicher Hunde fegte über mich, als ob ich ihnen geraten hätte, ihre Männer zu kastrieren. „Aha“, resümierte ich, „wie bei Menschen muss man bei Hundeweibchen Vorkehrungen treffen. Die Weibchen sind schuld am schlechten Benehmen der Männchen“.

Die meisten Hunde vertrauen ihrem Menschen voll und ganz. Wenn nach ihrer Wahrnehmung Gefahr droht, suchen sie Schutz beim Menschen. Auf der anderen Seite: Ist ihr Mensch verzweifelt, spenden sie Trost oder besser: Zeigen sie Empathie. Einmal, völlig am Boden zerstört, seufzte ich tief und hoffnungslos und meine Hündin heulte los als wollte sie meinen Seufzer auf der ganzen Welt verteilen.

Im BUND-Magazin Nr. 33  erklärt die Juristin Charlotte E. Blattner in ihrem Interview „Tier- und Menschenrechte gehören zusammen“, was Massentierhaltung mit Corona zu tun hat. Darunter auch über Hunde: „Oft beobachte ich, wie Hundehalter ihre schnuppernden Hunde ungeduldig an der Leine ziehen. Dann erzähle ich ihnen folgende Geschichte: Am Baum riechen ist für einen Hund wie das Zeitunglesen für uns. Du kannst ihn also nicht nur die Überschrift und das Foto anschauen lassen. Er muss auch den Artikel dazu lesen können, wenn dieser ihn interessiert.“ Und: „Tiere haben eine Stimme, sie handeln autonom und drücken ihre Vorlieben und Abneigungen in der Regel deutlich aus. Wir sollten lernen, Tiere nicht zu bevormunden und pauschal für oder über sie zu entscheiden. Sie geben uns nämlich täglich eine Fülle von Antworten auf die Frage, was sie wollen“.

 

 

 

 

 

 

 

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