Nein, ich kann mich nicht rühmen, ordentlich zu sein. Ganz im Gegenteil: Chaos gehört zu meinem Leben, ein Leben ohne Chaos steht mir nicht (zu?). In meiner Küche sieht es oft aus wie nach einem Bombenangriff. Das Hantieren in der Küche benötigt eine grosse Beweglichkeit, um all die am Boden liegenden Gegenstände zu umschiffen. Zudem fehlt mir das Schamgefühl, unter dem jede Schweizer Hausfrau leiden würde angesichts einer solchen Unordnung. Aber ich bin ja auch keine Hausfreu, obwohl eigentlich jede Schweizer Frau eine Hausfrau ist (sein müsste). Und den Ordnungsgöttern sei es geklagt: Seitdem die letzte Katze gestorben und mein Hund eine Hüterin und keine Jägerin ist, feiert nicht nur eine Maus Fressorgien in meiner Küche. Der Maussegen begann im letzten Sommer, als eine niedliche Maus beim abendlichen Freiluftmahl auftauchte. Als unvernünftige Erwachsene fütterten wir sie – einen Sommer lang. Dann verschwand sie und etwas später rannten unzählbare Mäuse durch alle Gebäude des Grundstückes.
Von Tag zu Tag werden sie frecher. Übernachtet ein Laib Brot unverpackt, ist er am nächsten Tag ausgehöhlt; ohne Zweifel lieben die Mäuse das weiche Brot, wohl ihren kleinen Zähne wegen. Käse sollte man in den Kühlschrank legen, sonst wird er angenagt. Ich mag die kleinen, zierlichen Viecher, verstehe jedoch ihre Psyche, das heisst, ihre Fressvorlieben zu wenig. Es ist mir unverständlich, warum sie Kabel anknabbern und Papiertaschen, die in meiner Küche zu Dutzenden herumstehen, von unten benagen mit der Konsequenz, dass beim Aufheben der ganze Inhalt auf den Küchenboden knallt. Ja, auch Eier waren dabei. Zudem haben sie eine Affinität zu Orchideen, an deren Zwiebel sie sich gütlich machen. Auch Tomaten lieben sie sehr und Toblerone, die Helle.
Der gute Hausgeist hat nun angefangen, Fallen, welche die Mäuse fangen, aber nicht töten, überall aufzustellen. Sitzt eine Maus hinter schwedischen Gardinen, befreit er sie im nächsten Wäldchen, was mir sehr leid tut. Vom Schlaraffenland in den Hungersommer von 1816, als sehr viele Schweizer auswanderten, um nicht zu verhungern. Arme Mäuseemigranten … .
Gute Geschichte, die Mäuseemigranten.