Stellen Sie sich vor: Das Jahr 2030 und das Covid-19 wütet noch immer. Alle Versuche nach einem Medikament und einer Impfung verliefen negativ. Weltweit erkranken und sterben die Menschen immer mehr.
Verschwörungtheoretiker fahnden nach einer finsteren Macht, welche sich der gesamten Menschheit bemächtigen möchte. Religiöse jeder Couleur glauben, dass Gott der Allmächtige die Menschheit strafen will. Je nach Religion für die losen Sitten, die Unmoral, die herrscht, den Kapitalismus, den Kommunismus, Materialismus, Gottesunfürchtigkeit, die Umweltzerstörung, die Ehen der Schwulen und Lesben, das Militär, die antiautoritäre Erziehung, die Nichtstuer und Hartz IV Empfänger, die Drogenabhängigen, die Milchtrinker und Fleischesser und was es sonst noch so gibt wird mehr oder anders bestraft. Neben den ohnehin am Covid-19 verstorbenen Millionen von Menschen leiden andere Millionen genesene Infizierte an den tückischen Spätfolgen der Pandemie.
Überlegen Sie: Während zehn Jahren kam und ging das Virus, ähnlich dem Rhythmus von Ebbe und Flut. Das Leben der Erdenmenschen geriet in Unordnung: Die Planenden verschwanden, gab es doch nichts mehr zu planen. Das Wort Ferien wurde auf den Index (der verbotenen Ausdrücke) gesetzt. Einkaufen konnte man nur noch virtuell, also im Internet. Es war verboten, Pakete zurückzuschicken, der Inhalt konnte unter Umständen infiziert sein. Aus diesem Grund führten Versandfirmen erfundene Namen und Adressen. Papiergeld und Münzen waren wegen der Gefahr der Ansteckung aus dem Verkehr gezogen worden. Den Menschen war es lediglich jeden zweiten Tag erlaubt, ihre Behausung zu verlassen. Blockwarte sorgten für die Einhaltung dieser Vorschrift. Der öffentliche Verkehr lag darnieder. Die Menschen bedienten sich der Tretroller, um vorwärts zu kommen. Theater und Kinos wurden zu Sozialwohnungen mit wirksamem Anti-Covid-19-Schutz umgebaut. Der Maskenzwang galt überall: Zu Hause (selbst in der Badewanne), zum Schlafen – neuste Erkenntnisse liessen vermuten, dass das Virus von Draussen ins Innere der Häuser strömen könnte -, zum Essen (Maske rauf-runter), zum Lieben, zum Poker spielen, ganz zu schweigen vom Kochen und Backen.
Sonderbarerweise entwickelten sich viele Menschen während diesen zehn Jahren: Die trockenste und fantasieloseste Person erlebte kreative Schübe und begann zu malen, zu dichten, Opern zu singen. Banker widmeten sich der Aufzucht der Lamas, Buchhalter fälschten Zahlen zu ihren Ungunsten, beim virtuellen Fussballwettbewerb gewannen die Verlierer, beim Bowling setzte man Hunde ein, die für ihre Besitzer viel Geld verdienen konnten. Da auch die Nahrung – besonders Gemüse, Obst und Fleisch – virologisch unsicher war, ernährten sich die meisten Menschen von Milch, Kuh-, Schaf- und Ziegenmilch. Aber: Alkohol wurde eimerweise getrunken. Zu jener Zeit wurden die Steuern auf Alkohol massiv gesenkt.
Unnötig zu erwähnen, dass die gesamte Schönheits-Industrie sang- und klanglos unterging. Weder Frau noch Mann benötigten Antifalten-, Feuchtigkeits-, Straffungs-, Bräunungs- und Tiefenreiningungs-Produkte und wer Lippenstift auftrug, machte sich verdächtig. Lediglich Wimpernschminke geriet en vogue und entwickelte sich zur preisträchtigen Industrie. Nur kurze Zeit in Mode waren die Stirnverzierungen, die schrill und grobschlächtig waren und sich nicht bewährten. Das maskierte Gesicht verlor an Bedeutung; die Maler der 20er Jahre malten anstatt Gesichter weisse Ovale. Auch die Sprache schwand allmählich, mit der Maske wurde sie derart undeutlich, insbesondere durch ein nach Innen gerichtetes Echo, dass man sich mittels einer Lautsprache behalf.
Wie immer bei Katastrophen passten sich die Menschen den Umständen an. Nur noch einige Kartenleger und Magier glaubten an eine korona-freie Zukunft. Obwohl es natürlich nicht auszuschliessen war, dass fromme Menschen ihren Gott jeden Tag baten, sie von der Seuche zu befreien. Gott hatte jedoch keine Einsicht, mindestens nicht bis 2030.
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