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Werden Sie Influencer! In dieser neuen Berufsgattung können Sie reich werden, und zwar als „heimlicher Verführer“. Sucht man nach einer schreibenden Tätigkeit, bekommt man u.a. folgendes Angebot: „Werde Teil unserer Influencer Crowd! Auf deiner privaten Facebook Seite informierst du deine Freunde über spannende Themen und aktuelle Trends? Oder bist du privat auf Instagram, Twitter, Google+ oder Tumbler aktiv und hast dort bereits viele Follower? Melde dich bei uns an, erhalte coolen Content und teile ihn auf deinen Social Media Kanälen! Dafür bekommst Du Vergütung. Bewerbung als? PRIVATPERSON (MICRO INFLUENCER) – ab 250 ECHTE Freunde & Follower (es wird nach Echtheit mit einem speziellem Software untersucht) Verfügst du über ein privates Social Media Profil (Facebook, Instagram, Google+, Twitter oder Tumblr), über das du regelmäßig deine Freunde mit spannenden Themen oder lustigen Videos unterhältst? Werde jetzt Micro Influencer. BITTE KONTEN angeben/Wie viele Freunde/Followers? (das Instagram Konto muss offen sein) BLOGGER Bist du Blogger oder betreibst ein Themen¬portal , bist immer auf der Suche nach spannendem Content und auch für Kooperationen offen? Wie viele echte Follower? Teile Coolen Content und tue Gutes! Gutes tun ist mit uns ganz einfach! Mit uns bekommst du maßgeschneiderten Content, der genau zu dir passt – und du teilst authentisch und informierst über Beauty news! Und verdiene dabei Geld von zu Hause, Büro, Caffe oder von Karibik aus. Du bist Freelancer, arbeitest wann Du willst“.
Abgesehen von der Duz-Unsitte und dem fehlerhaften Text wird einem weisgemacht, als Influencer Gutes zu tun. Gutes tun ist identisch mit der Verbreitung von „Beauty news“. Wikipedia beschreibt den Influencer wie folgt: „Influencer (von engl. to influence: beeinflussen) ist ein um 2007 entstandener Begriff für eine Person, die aufgrund ihrer starken Präsenz und ihres hohen Ansehens in einem oder mehreren sozialen Netzwerken eines kommerzialisierten Internets für Werbung und Vermarktung in Frage kommt„.
Wer also kommt in Frage, ein Influencer zu werden? Ein „Bauer ledig sucht?“ Ein analphabetischer Profi-Fussballer? Eine, die von Dieter Bohlen beinahe zum Superstar erkoren wurde? Eine Frau mit elf Gross- und sieben Urgrosskindern? Stellen Sie sich vor, die alte, zierliche, dick eingemummte (sie fröstelt leicht) Ü90 steht inmitten der Bahnhofshalle auf einer Leiter, an der sie sich krampfhaft festhält, ein Megafon vor dem Mund und bittet die älteren Herrschaften, sich zu nähern. Neben der Leiter ist ein Verkaufstisch aufgestellt, darauf kunterbunt hingelegt Polygiene Sprays, Hüftschutzhosen, Antirutschsocken, Badebekleidung bei Inkontinenz, Seni Care Waschlotion, MoliCare Mobilie und vieles mehr. Die alte Damen steigt vorsichtig von der Leiter. Um den Verkaufstisch scharen sich etliche Betagte. Mit Engelszungen und Komplimenten überzeugt Ü90 ihre Altersgenossen zum Kauf dieses oder jenes Produkts. Vom Erlös bekommt sie fünf Prozent. Das wäre doch eine Nische für Neo-Influencer: Anstatt kreischenden Teenies Oldies zum Kaufen von Überflüssigem zu influencen …
Spass beiseite: Dieser Job hat etwas tief Amoralisches. Die pubertierenden Mädchen und Buben sind Wachs in den Händen eines erwachsenen Influencers, der eigentlich kein Idol ist, weil er ihnen – oder ihren Eltern – das Geld aus der Tasche zieht. Von wegen Followers: Einem Menschen, wie bekannt (Cervelat-Prominenz?) und gut aussehend er auch ist, zu folgen, deutet auf ein schwaches Selbstwertgefühl hin. Der Begriff Follower ist zudem sehr negativ besetzt: „Führer wir folgen dir“. Passt das nicht irgendwie in die heutige Zeit der Regression?