Münsingen wird als grosses Dorf oder kleine Stadt des Kantons Bern bezeichnet. Es verfügt über eines der ältesten Restaurants der Region, eine psychiatrische Klinik, viele grosse und kleine Läden, ein Schloss (aus dem 16. Jahrhundert) samt Museum und eine Bar mit dem schrulligen Namen „Zur gerupften Gans“. Das ist eine sehr kurze Beschreibung, denn es geht ja bei dieser Geschichte gar nicht um Münsingen.
Es geht um die im Volk sehr begehrte Namensnennung. Diese entspricht einer ländlichen Gepflogenheit. „Man gibt den Namen“. Es geschah in den letzten Novembertagen, abends in der Dämmerung. „Tatort“ Coop, Münsingen. Vor mir an der Kasse stand eine Frau, zwischen 30 und 40, wohl Mutter etlicher Kinder, Hausfrau mit picobello Haushalt, rechtschaffen, freundlich, „schaffig“, Garten mit schönen Blumen, Tomaten, Salat, Maggikraut, Apfel- und Zwetschgenbäumen. Sie lud die wenigen Käufe aufs Band und sagte: „Gruessech Frau Suter“. Frau Suter sagte: „Gruessech Frau Meier“. „Wie geht es Euch, Frau Suter?“ „Gut, Frau Meier. Und Euch?“ „Ja, Frau Suter, mir geht es auch gut“. „Und Eurem Mann, Frau Meier?“ fragte Frau Suter. „Dem geht es auch gut, Frau Suter. Und wie geht es Eurem Mann, Frau Suter?“ „Gut, gut, Frau Meier“, sagte Frau Suter. Das Gespräch geriet ins Stocken und ich jubelte innerlich, gleich an die Reihe zu kommen. Doch weit gefehlt. „Und, Frau Suter“, sagte Frau Meier und packte die wenigen Käufe in ihr Kommissionenwägeli, „habt Ihr viel Arbeit?“ Frau Suter sagte: „Wie immer, Frau Meier, wie immer. Seid Ihr schon am Güetzele, Frau Meier?“ „O nein, Frau Suter, das wäre zu früh. Ich bin am Dekorieren des Hauses, Frau Suter. Ihr etwa auch, Frau Suter?“ Frau Suter schüttelte den Kopf. Ich dachte, das Kopfschütteln werde das Gespräch beenden und hörte auf, französische Schimpfworte zu murmeln und mit den Fingern aufs Rollband zu trommeln. Frau Meier sagte: „He nu, Frau Suter. Schöne Abe – übrigens, habt Ihr schon gehört, Frau Suter“ … und Ihr Stimme wurde geheimnisvoll. „Nein“, sagte Frau Suter, „ist das wirklich wahr?“ „Natürlich“, sagte Frau Meier, „ich habe es selbst gesehen, Frau Suter. Das ist die wahre Wahrheit“. Frau Suter sagte; „Das muss man melden, Frau Meier“. Frau Meier: „Ich nicht, Frau Suter. Frau Suter: „Ich auch nicht, Frau Meier“.
Ihre Stimmen gingen im Musikslogan des Coop verloren, denn ich begab mich an die Selbsbedienungskasse und murmelte, jetzt auf Deutsch: „… dann leben sie noch morgen“.