Am Tag der Trauer war ich völlig in Weiss gekleidet, weil ich mich noch immer weigere, diese Tatsache zu realisieren. Wohl sass ich auf der hintersten Bank dieses grässlichen Krematoriums, wie kann man ein Krematorium Krematorium nennen? Da sass ich also, den Priesterr verstand ich nicht, da er derart leise sprach, es war ein besonderer Priester, seine Erzählungen über die nicht mehr Lebende, die er offensichtlich sehr gut kannte, weckte bei den Anwesenden – wenn nicht gerade – Lacher, so doch Schmunzeln und Heiterkeit.
Wusste eigentlich nur ich, welche Musik sie sich für ihren „letzten Gruss“ gewünscht hatte? Auf dem Harmonium wurde zwar schlecht und recht Passagen von Bach, die sie liebte, gespielt. Mir hatte sie anvertraut, sie wünsche sich ein Frauen-Solo von weiss ich welchem Komponisten. Mir gefiel das Solo nicht. Ihren Töchtern blieb dieser Wunsch wohl verborgen.
Die meisten Besucher, vor allem die Verwandtschaft, kannte ich. Sie wäre stolz gewesen, einen alt Bundesrat unter den Besuchern zu sehen. Stolz wäre sie auch gewesen, dass ihr Liebling, ein petit cousin, seines Zeichens ein etwas zweifelhafter Anwalt in Zürich, dem ich das französische Attribut „un m’as-tu vu“ anheften würde, im Namen des Familienclans sprach. Eine ihrer Töchter und deren Tochter erzählten Reminiszenze. Zum Schluss der Gedenkfeier teilte der Priester das Abendmahl aus, das viele Anwesende zu sich nahmen. Es gab kein Gebet, kein dauerndes Aufstehen und wieder Hinsetzen, kein Lied, die Katholiken aktualisieren sich, damit ihnen die Klientel nicht davon- und in irgend eine dubiose Sekte -rennt.
Es folgte der gesellschaftliche oder gemütliche Teil der Feier. Bis alle Gäste begriffen hatten, wo sich die Gartenbeiz befindet und wie man dorthin gelangt, verging viel Zeit. Dort trank ich Wasser und war die einzige Person, die rauchte, also liess ich es bleiben. Die älteste Tochter ihres Bruders hängte sich an meine Fersen, sie konnte sich nicht setzen wegen ihrer Hüfte oder ähnlichem. Sie ging mir mit ihrem stehenden Aktivismus auf die Nerven. Vor allem aber unterhielt ich mich mit einem Enke,l der offenbar Verstorbenen, der, wie sie zu sagen pflegte, „a oublié de grandir“, er ist aber Richter am Gericht in Lausanne und engagiert sich über Gebühr für den Umweltschutz. Während sich die Trauergemeinde verköstigte, musste ich gehen. Ich verabschiedete mich auf Französisch und beim Weggehen wurde mir bewusst, wie gross ihre Nachkommenschaft – Urenkel – geworden war. In einem ihrer Romane steht der Ausruf: „J’ai trop d’enfants“.
Am Tag der Trauer trug ich keinen Trauerflor. Für mich lebt sie noch immer. Vierzig Jahre vollgepfercht mit Erinerungen. Meine Ersatzmutter. „Tu es ma mémoire“ – da ich alles, was sie betraf, vor allem aber ihre Worte, aufsog und jederzeit abrufen konnte -, stellte sie fest, und zwar lange bevor sie „ihren Kopf“, wie sagte, verlor. Es wird bis zu meinem eigenen Tod dauern, sie in einer Urne wahrzunehmen.
Sie beanspruchte Platz, viel Platz. Die Leere, die mich nun angähnt, ist nicht auffüllbar.