von einem Tag auf den anderen mit lediglich Handgepäck wegen politischen Wirren oder einer Naturkatastrophe Ihr Land verlassen zu müssen. Die Zeit reicht nicht, um sich von Freunden und Bekannten zu verabschieden. Sie wissen auch nicht, wo sich diese Freunde und Bekannten befinden und welchen Gefahren sie ausgeliefert sind. Sie übergeben in grosser Pein Ihren Hund und Ihre Katzen dem Nachbarn von unten, der Ihnen geschworen hat, sich – gegen eine Geldsumme – aufopfernd um sie zu kümmern. Ein Militärbus bringt Sie an die Grenze. Die Grenze erinnert an Albert Camus‘ Beschreibung eines Platzes, zu dem man fahren kann, dessen Ausfahrten jedoch Einbahnstrassen sind. Ein Mensch in Uniform weist Sie zu einem rudimentären Zelt, in dem Sie vorübergehend wohnen müssen. Ihr Handy und Ihr Laptop sind Ihnen weggenommen worden. Sie sitzen auf einem Feldbett, die sanitären Einrichtungen sind meilenweit entfernt und das Essen und Trinken müssen Sie selbst organisieren, aber wo?
Als mittelalterliche, unverheiratete und kinderlose Frau sind Sie in der augenblicklichen prekären Lage wertlos. Sie sind weder reich noch geniessen Sie Protektion von einflussreichen Verwandten und Freunden. Sie sind mutterseelenallein und fürchten zu Recht, die Krise nicht überleben zu können. Es wird über Sie verfügt, Sie sind der Willkür der Behörden schutzlos ausgeliefert. Ihr einziger, zweifelhafter Schutz ist Ihr Alter: Es droht Ihnen mit grosser Wahrscheinlichkeit keine Vergewaltigung.
Das Camp an der Grenze füllt sich zusehens. Sie müssen sich an Menschen gewöhnen, mit denen Sie nie etwas gemeinsam hätten. Man hilft sich, man hasst sich, man schmiedet Freundschaften, man löst sie für neue ab, man friert, hungert, dürstet nach geisiger Nahrung, man langweilt sich, man klatscht, man klammert sich an Kleinigkeiten, man möchte fliehen, man folgt jedem Gerücht, man ist zur Nummer verkommen, hilflos ausgeliefert an Menschen in Uniform, Uniformen, welche Menschen zu uniformen Befehlsempfängern degradieren. Auch wenn Ihnen Heimat kaum etwas bedeutet hat, sind Sie nun heimatlos. Als Armeelastwagen auftauchen und eine spröde Stimme verkündet, man müsse seine Sachen packen, man werde verlegt, bricht Panik aus. Wohin wird man uns bringen? Ins In- oder Ausland? In ein Gefängnis oder in die Freiheit? Ihnen ist bange, Sie fürchten sich, packen gehorsam Ihre Siebensachen und warten, warten, warten einmal mehr.
Die Lastwagen laden die Lagergefangenen im Hafen aus und drängen sie auf einen alten Kutter. Sie, als Frau ohne Kinder, haben kein Anrecht auf eine Schwimmweste. In den Bauch des Kutters werden einige Hundert Menschen gepfercht, neben Ihnen hat ein etwa 14-jähriger Junge Platz genommen. Er hat rote Augen und zittert vor Kälte. Sie bieten ihm Ihre Hilfe an. Der Junge antwortet nicht, offensichtlich spricht er nur seine Landessprache. Er ist lediglich mit einem T-Shirt und Trainerhosen gekleidet und seine nackten Füsse stecken in Flip-Flops.Sie hüllen ihn in eine Decke und geben ihm einen Riegel, den er gierig verschlingt. Das Meer ist bewegt, als sich der Kutter in Bewegung setzt. Die Nacht ist dunkel ohne Mond. Einige Menschen beginnen zu singen, ein schwermütiges Lied, ähnlich eines Gebets. Ohne Decke frieren Sie. Sie haben Durst, den Sie nicht stillen können. Das unbestimmte Reiseziel versetzt Sie in Angst. Alle Menschen im Boot haben Angst. Sie liessen alles hinter sich. Ihre Vergangenheit lebt, ihre Zukunft ist willkürlich.
Die Wellen werden höher. Gischt ergiesst sich über die frierenden Menschen, Säuglinge schreien, Kinder kreischen, die Mütter beten und weinen, die Väter fluchen und spucken aus. Eng an den 14-jährigen Jungen gepresst, verfallen Sie in eine Art Schockstarre, also unfähig, sich zu bewegen. Ihr Denken und Fühlen sind ausgeschaltet. Hunger und Durst sind verschwunden. Die Morgendämmerung weckt Sie aus einem dumpfen, traumlosen Schlaf. Die Wucht der Wellen hat zugenommen. Ihr Magen dreht sich, wenn der Bug des Kutters in dieTiefe saust, Ihr Magen ist aber leer, so dass Sie würgen und husten. Land kommt in Sicht und einige Polizeiboote tauchen auf. Der Kutterchauffeur drosselt den Motor, die Geflüchteten stehen auf Deck, schwenken Tücher und johlen. Aus den Polizeibooten zischen Schüsse, einige Menschen werden erschossen, andere nicht, viele der Überlebenden stürzen sich ins Wasser und werden dort von den Kugeln getroffen. Im Morgenrot färbt sich auch das Meer rot.
Sie sind unversehrt, liegen auf dem Schiffsboden, neben Ihnen der 14-jährige Junge, tot. Sie warten, Sie warten auf irgendetwas, irgendjemanden, Sie warten heute, morgen … bis zu Ihrer Endlichkeit.