8. August 2019 Doris Schöni 0Comment

Selbst nicht im Überfluss aufgewachsen, ist man im Erwachsenenleben nicht davor gefeit, mit Geld sorglos – zu sorglos – umzugehen. Beeinflusst in jungen Jahren von der Tendenz, Geld zu verachten, fühlte man sich über Materielles erhaben, deshalb bat man nicht um eine bessere Entlöhnung. Man hielt es mit Immanuel Kant (1724-1804), der schrieb:

Die Sparsamkeit ist keine Tugend, denn zum Sparen gehört weder Geschicklichkeit noch Talent. Wenn wir sie mit der Verschwendung gegeneinander halten, so gehört dazu, um ein Verschwender mit Geschmack zu sein, weit mehr Talent und Geschicke, als zum Sparen. Denn Geld ablegen kann auch der Dümmste […] Daher auch solche Personen, die das Geld durchs Sparen erwerben, sehr niedrige Seelen sind, unter den Verschwendern findet man aber aufgeweckte und geistreiche Personen“.

Da hat man ein Leben lang achteinhalb Stunden pro Tag mit einem bescheidenen Lohn (geistige Arbeit wird immer mehr geringschätzt) gearbeitet (am Anfang mit vierzehn Tagen Ferien), und plötzlich reicht das Geld im Alter nicht mehr. Von „wohlwollenden“ Bekannten wird man darauf hingewiesen, man verfüge noch immer über grössere Mittel als oftmals eine junge Familie. Man hat versäumt, was in vielen Senioren-Ratgebern gepredigt wird, nämlich sich im Alter räumlich einzuschränken und sich in Bescheidenheit zu üben. Diesen Rat zu befolgen hat man versäumt, weil man ihn nicht glauben wollte. Keiner aber antwortet: „Dieser Ratschlag ist ein typisch schweizerisches Klischee“. Ein Klischee wie das Sprichtwort „Bescheidenheit ist eine Zier“, das die nicht im Geld schwimmenden Pensionäre zu Demut zwingen will.

„Man muss eben sparen“, monieren die „wohlwollenden“ Bekannten. Man hat überhaupt nie gespart, denn man wurde gelehrt, AHV und Pensionkasse ergäben fast den ganzen vorherigen Monatslohn. Was natürlich nicht stimmt, vielleicht hat man es einfach falsch verstanden und sich deshalb keine Gedanken darüber gemacht. Nun droht eine Art Armut trotz erklecklichem Einkommen, aber man empfindet es als unerträglich, sich räumlich einzuschränken und anzufangen zu sparen, sich also zu bescheiden, Seniorenrabatte abzuwarten, Märkli zu sammeln und einzukleben, Sonderaktionen zu beanspruchen oder gar ein Haushaltsbuch zu führen. Schon im jugendlichen Alter hasste man Märkli einzukleben und verpönte Männer, welche ihren Gattinnen befahlen, in ein kariertes A-5-Heft jede Tagesausgabe säuberlich einzutragen, und am Ende der Woche kontrollierte der liebende Ehemann die Ausgaben. 

Man droht mit der KESP und den Betreibungsbeamten, die in Bälde Schlange stehen und die meisten mit eigenem Geld erstandenen Bilder von den Wänden zerren und eine billige Zwangswohnung anordnen würden und „überhaupt, was braucht eine alleinstehende Frau ein Haus?“; so senkt man den Kopf, kämpft gegen die Tränen und murmelt: „Ich kann aber nicht sparen …“.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                 

 

 

 

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