15. Februar 2019 Doris Schöni 0Comment

Sie? Sie ist eine französischsprachige Schriftstellerin aus dem Jura. Sie ist 92-jährig. Schlank, gerader Rücken, ohne Stock und Krücken oder Rollator. Zu ihrem hellblauen Kostüm unterstreicht ein ebenso hellblauer Rollkragenpullover ihren leicht gebräunten Teint.

Soviel zum Äusseren. An der „Université des Ainés“ – welch ein Glück, dass Bern (noch immer) eine französische Seniorenuniversität betreibt.  Im Unterschied zur deutschsprachigen sind ihre Themen weniger medizinlastig, dafür aber eher der Literatur gewidmet – hält die 92-Jährige einen Vortrag. Sie spricht mehr als eine Stunde über die Schriftstellerei, über ihre fünf Romane und Kurzgeschichten, ihr Leben für die Literatur, in der es ihr eher um die Form als um den Inhalt geht. Und um die Suche nach ihrem Vater, der anwesend und abwesend war, viel hoch zu Pferd, um in einem abgelegenen jurassischen Bauernhof ein Kalb auf die Welt zu befördern.

Sie, die nicht in einem Elfenbeinturm um Worte rang, sondern mit ihren vier Töchtern und einem wenig anwesenden Arztgatten einen Haushalt führte und trotzdem Universitätskurse besuchte, täglich Bach übte und Bücher schrieb. Woher kam diese Kraft? Eines ihrer Motive lag wohl in ihrer Jugend: Ihre drei Geschwister (ein Bruder und zwei Schwestern) waren Akademiker, während sie nach der Handelsmatur in Bern arbeitete, heiratete und Kinder gebar. Sie empfand das Bedürfnis, ihrem Vater – ihre Mutter starb früh – und ihren Geschwistern ebenbürtig zu sein und begann, zu schreiben. Eine andere Motivation lag in ihrem „exile linguistique“. Obwohl zur Zeit ihrer jungen Jahre in Bern viel mehr Französisch gesprochen wurde als heute, wähnte sie sich in einer sprachlichen Wüste. Sie lernte zwar mit Akzent leidlich Berndeutsch, aber litt unter der Abwesenheit ihrer Sprache. Anstatt zu sprechen schrieb sie.

Nach etlichen Fragen aus dem Publikum rät die 92-Jährige den Vortragsteilnehmern, jeden Tag während einer halben Stunde zu schreiben, das zu schreiben, was einem in den Sinn kommt. Ein guter Rat: Schreiben erhält – wie die Schriststellerin beweist – jung … .

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert