13. Oktober 2021 Doris Schöni 0Comment

Es gibt Menschen, die jeden Tag Klavier, Geige, Querflöte spielen, andere fotografieren, stricken oder gärtnern, welche, die telefonieren oder Gamen, in Baustellen gaffen, in Beizen Bier, Wein oder eine „Schale häu“ trinken, die Bibel auf Griechisch lesen, Schach am Computer spielen, ornithologisch unterwegs sind, Arzt-Tourismus betreiben, jassen, mit Freundinnen andere Freundinnen aushecheln (frühneuhochdeutsches Verb). Dann gibt es Menschen, die am Tag und vor allem nachts schreiben müssen, man könnte es auch „es schreibt ihnen“ nennen.

Sie sind neugierig, gierig, alles um sie herum aufzunehmen, zu hören, in ihrem Gehirn zu stapeln, sie merken sich alles, speichern Situationen in ihrem Gedächtnis, erinnern sich eher der Worte als der Gesichter, bei einigen Worten erfinden sie spontan eine Geschichte, die sie zu faden schlagen, später niederscheiben und die von fantasielosen Mitbürgern  leider zu oft wahr-genommen werden.

Die dümmste wiederkäuende Kuh, das eleganteste Pferd auf der Weide, das jüngste schwarze Schaf, der tollkühnste Motorradfahrer, der ungeschickteste angegraute E-Biker samt Mammeli im Kielwasser, das keifende alte Paar im Einkaufszentrum, die freundlichste Kassiererin, die liebevolle Coiffeuse, der vergessliche Kellner, die unsichere Velofahrerin samt Kinderanhänger und obligatem Fähnchen (warum eigentlich?), die verbissenen, humorlosen Politiker- und innen, der ständig dasselbe schwätzende blöde Schnörri, die oft sehr grob sprechende, eher ländliche Bevölkerung, die elegante Italianità der eingebürgerten Italiener, der gelangweilt scheinende Gemeindepräsident, die Wolkenformationen, die unmögliche Musik und die bis zum Überdruss banalen Geschichten der Interviewten auf Radio SRF 1, das emphemere Gefühl bei vermeintlich eingefangener Luft bei Tempo 120, und, und, und vieles mehr, was am Tag geschieht  … oder eben nicht, wird eingesogen und zwischengelagert.

Nein, keine Qual der Wahl, die meisten Situationen des Tages verblassen, immer und immer wird dieselbe Geschichte geschrieben. Mit anderen Worten und in einem verschiedenen Kontext. Aber das merkt weder der Verfasser noch der Leser. Vielleicht der posthum sich mit den Blogs, Artikeln, Leserbriefen, Essays, Romanfragmenten beschäftigende Literaturwissenschaftler –  wie hoch gegriffen, wie eingebildet, wie anmassend.

Die Aussage „Ich weiss, dass ich nichts weiss“ (Socrates, 399 v. Chr.) lässt Raum für eine Art Demut. Diese Demut paart sich mit den ebenfalls fast täglich einpeitschenden Anwürfen, Vorwürfen, Ratschlägen, Belehrungen, Anweisungen „du solltest …“. Was ich alles sollte. Alles, ausser Schreiben. Schreiben, das hört man bereits in der Jugend, sei Zeitverschwendung, unnütz, Selbstbefriedigung. Besser wäre es, Porzellan zu bemalen, Socken zu stricken, eine Sprache zu lernen, Kreuzworträtsel und Sodukus (horribile dictu) zu lösen, und aufzuräumen, aufzuräumen, zu putzen 10 mal zu putzen, immer zu putzen, Ordnung zu halten und zu geben, undsofort. Was macht ein Mensch, dem es schreibt, aber nicht putzt?

Schreiben um des Schreibens willen?

 

 

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