"Die Misanthropie im Alter ist weniger Hass gegen als Übersättigung mit Menschen". (Jean Paul [1763-1825]). Sowie Philanthropen als auch Misanthropen können Eigenschaften des Gegenübers aufweisen. Gibt es nicht auch Menschen, die nicht alle Menschen, sondern "nur" gewisse Menschen hassen?
Die eine und die andere Lebensart kann zu Problemen und Schwierigkeiten führen. Einige Menschen zeigen wohl Philanthropen gegenüber ein gewisses Lächeln und bezeichnen sie als „Gutmenschen“. Es kann geschehen, dass sie betrogen werden, ihre Gutmütigkeit ausgenützt wird, sie verspottet werden. Möglich ist, dass Philanthrope nicht konfliktfähig und harmoniesüchtig sind. Sie pflegen den Euphemismus, wie sonst könnten sie an garstigen Mitbürgern noch ein gutes Haar finden? Philanthropie ist vielleicht auch eine Flucht. Eine Flucht vor den Niedrigkeiten des Lebens.
Die Misanthropen werden als negative Menschen, als Miesepeter und als Querulanten beurteilt. Schlimmer als ihr Hass auf die Menschheit ist ihre Verachtung für die Mitmenschen. Sie stellen sich über die Masse, die ihnen ignorant und ungebildet vorkommt. Ihre Verachtung für die „kleinen Leute“, die bescheiden und ohne grosse Ziele leben, verstärkt sich mit zunehmendem Alter. Die Misanthropen streben nach Höherem, das sie jedoch selten erreichen. Vermutlich wird man misanthrop, weil vieles in der Kind- und Jugendzeit schief gelaufen ist. Das Vertrauen wurde missbraucht, Versprechen nicht eingehalten, Erwartungen enttäuscht, Liebe nicht erwidert. Da muss ja die Welt schwarz und kalt werden. Aus lauter Angst vor ähnlichen Erlebnissen schützt sich der Misanthrop mit einem zynischen Panzer. In der Art von Suppen Kaspar (in: Struwwelpeter, 1844): „Nein, diese Suppe ess ich nicht“, verweigert er sich.