19. Januar 2022 Doris Schöni 0Comment

Peter Pan sitzt am Meer in Kreta und spielt Flöte. Als eine Möwe vorbeifliegt, spricht er sie an und erschrickt. Seine helle Stimme ist plötzlich eine Oktave tiefer und rauh. In Panik fragt er die Möwe, was wohl mit seiner Stimme los sei. Beim Wegfliegen schreit die Möwe: „Das tönt nach Stimmbruch.“ Und von weit weg: „Der Peterli pubertiert“. Und in Windeseile verbreitet sich die Nachricht unter den Möwen: „Der Peterli pubertiert“.

Peter Pan weiss nicht genau, was in ihm vorgeht. Er möchte wegfliegen, doch keine fremde Macht trägt ihn mehr durch die Lüfte. Als er einige Vögel anspricht, schweben diese achtlos an ihm vorbeit. Er schreit laut und deutlich „Hört ihr meine Kopfstimme nicht?“ Eine Fee kommt des Weges, Peter grüsst sie höflich und stellt ihr eine beiläufige Frage. Doch auch die Fee hat taube Ohren. Sie ist vor Schreck erstarrt, denn Peter wächst ununterbochen ähnlich jungem Gras im Frühling. In weniger als einem Nachmittag ist Peter Pan zu einem grossen, muskulösen Mann mit schmalen Hüften und einem ebenmässigen Gesicht herangewachsen. Seine Stimme überschlägt sich als er die Sonne anruft: „Wer bin ich?“ Die Sonne geht stumm unter.

Von einer Anhöhe am Meer betrachtet Peter das Wolkenspiel in der Nacht. Jedem Bild ordnet er ein Tier zu und sieht sich plötzlich riesengross über den Himmel ziehen. Er ist verwirrt und fragt sich, ob er wohl zu viel vom gezackten Blatt genascht hat, das seinen Geist von der Betrübnis befreit. Er geht schwimmen und sieht im Mondlicht sein gespiegeltes Gesicht, wehrt sich jedoch gegen Narziss‘ Erkenntnis. Da er kindlich geblieben ist und die Bedeutung des Wortes „Identität“ nicht kennt, fragt er einen vorbeirudernden Oktopus: „Weisst du, wer ich bin?“ Die achtarmige Molluske schwenkt ihre Tenakel, was Zustimmung oder Ablehnung bedeuten kann. Peter Pan gräbt sich ein Bett im Sand und schläft ein.

Am nächsten Morgen sitzt eine Nymphe neben ihm und bittet, er möge für sie die Flöte spielen. Peter sucht nach dem Instrument, findet sie nicht und erinnert sich, sie in einem hohlen Baum versteckt zu haben. Er eilt zum Baum, doch das Versteck ist leer. „Meine Flöte ist gestohlen worden“, berichtet er atemlos der Nymphe. „du hast sie absichtlich verloren, da du nicht mehr für mich spielen willst“, behauptet sie. „Warum sollte ich für dich nicht mehr spielen wollen“, fragt Peter. Die Nymphe: „Weil du jetzt erwachsen wirst“. „Und was bedeutet, erwachsen zu werden?“ erkundigt sich der auch als Halbgott geltende Peter Pan. „Das musst du schon selber herausfinden“, empfiehlt sie ihm und taucht ins Meer.

Ohne seine Flöte fühlt sich Peter kraft- und hilflos. An ihr konnte er sich halten, aus ihr entlockte er herrliche Medlodien und konnte sie den ganzen Tag spielen. Plötzlich kommt seine Ziege angezottelt und trompetet „mähhh“. Peter juckt auf und fragt: „Hast du meine Flöte genommen?“ Beleidigt zottelt die Ziege weiter. „Warte, warte doch“, schreit Peter ihr nach und: „Weisst du, wer ich bin?“

Es wäre schön, erzählen zu können, Peter Pan habe sich zu einem verantwortungsvollen Mann entwickelt, der ein politisches Amt inne hielt, sich verheiratete, viele Kinder zeugte und als verdienstvoller Bürger der Stadt galt.

Doch Peter Pans Geist blieb kindlich und verspielt. Zwar ging ihm die Gabe verloren, mit Vögeln und Feen zu sprechenund zu fliegen. Nachdem er seine Flöte wieder gefunden hatte, spielte er für die Nymphen und betrachtete öfters sein Spiegelbild im Meer. Seine Ziege hatte ihn mähhhend verlassen, was ihn wohl ärgerte, aber nicht schmerzte. So vergingen seine Tage flötend und seine Nächte kauend, er empfand einen immer grösseren Appetit auf die grünen, gezackten Blätter.

Er blieb ein Aussenseiter und ist es heute noch.

Peter Pan ist die Hauptfigur einiger Kindergeschichten von J.M. Barrie. Er zeichnet sich dadurch aus, dass er als einziges aller Kinder niemals erwachsen wird, sondern immer ein Junge bleibt. Peter Pan trat zum ersten Mal 1902 in dem ursprünglich für Erwachsene geschriebenen Buch „Kleiner weisser Vogel“ (engl. The Little White Bird) auf und wurde dann 1904 sehr erfolgreich im Bühnenstück Peter Pan, or The Boy Who Wouldn’t Grow Up („Peter Pan, oder der Junge, der nicht erwachsen werden wollte“ oder „nicht erwachsen wurde“. Pan ist, eine Gottheit der griechischen Mythologie, die Panflöte für die Nymphen spielt und auf einer Ziege reitet. Der Gott Pan repräsentiert die Natur oder den natürlichen Zustand des Menschen im Gegensatz zur Zivilisation und den Auswirkungen der Erziehung auf das menschliche Verhalten. Peter Pan ist ein freier Geist, der zu jung ist, um von den Auswirkungen der Bildung belastet zu sein oder um die moralische Verantwortung eines Erwachsenen zu würdigen. Als „Zwischenmensch“, der fliegen und die Sprache der Feen und Vögel sprechen kann. Als „Junge, der nicht erwachsen werden würde“ zeigt Peter viele Aspekte der Stadien der kognitiven Entwicklung bei Kindern und kann als Kind angesehen werden, das sowohl charmant kindlich als auch kindisch solipsistisch ist (Solipsismus bezeichnet in der Philosophie eine These oder Schlussfolgerung, nach der allein die Existenz des eigenen Ichs gewiss sein kann.

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