Beide sind dunkel. Die grössten Ameisen sind fast gleich gross wie die Ölkäfer. Ein wesentlicher Unterschied: Die Ölkäfer sind toxisch, das Gift eines einzigen Insekts tötet einen erwachsenen Menschen.
Jeden Frühling treffen sich Ölkäfer und Ameise. Sie sind sich spinnefeind. Die schwerfällige, langsame Giftspritze ärgert sich über die emsige, arbeitsame, stetig eilende Ameise, deren sie nicht habhaft wird, sie dem hässlichen schwarzblauen Käfer immer entwischt, sobald er sie stechen möchte, eine Pirouette vollführt und verschwindet, selbst grosse Lasten tragend.
Im diesjährigen Monat Mai verläuft ihre erste Begegnung anders. Der Ölkäfer grinst ölig und fragt: Haben Sie die kalte Jahreszeit glimpflich überstanden? Dabei weiss er genau, dass es sich bei der anwesenden Ameise um die dritte Generation der Ameise vom vergangenen Jahr handelt. Dass sie sich siezen hat keine Bewandtnis mit dem gegenseitige Respekt, sondern entspricht lediglich einer überholten Konvention. Das Ameischen flüstert: Wie Figura zeigt. Was, wie, he? Sprechen Sie lauter oder nähern Sie sich. Figura wer? Und aggressiv: Veräppeln Sie mich? Die Ameise wirft ihre Last ab und schreckt einige Millimeter zurück. Veräppeln? Ich Sie? Wie könnte ich? Sie sind doch eine öffentliche, geschütze, da im Begriff auszusterben, gehätschelte Kreatur. Und Sie vergelten die Ihnen gewährte Rücksichtsnahme auf toxische Art, indem Sie hinterrücks die Hand, die Sie füttert, vergiften. Schlechte Manieren, Ölkäfer. Sehr schlechte.
Der Ölbube reckt seinen Stachel gegen die Ameise. Jeden Buchstaben artikulierend grollt er: Kü-mm-er-n Sie si-ch um Ih-re ei-eigen-en An-ge-le-gen-heit-en. Wenn ich die Hand steche, die mich ernährt, so habe ich meine Gründe für. Ihr heiles Sippenleben ekelt mich an. Immer im Verband. Im Mainstream. Die ständig fordernde Mehrheit, diese narzistische Gruppendynamik. Die Promiskuitä́t dieser grossen Familie, wie bei den Affen. Keine Disziplin. Ohne Rigueur. Glanzlos. Ein Sonnenstrahl lässt den Käfer noch öliger glänzen.
Die Ameise rettet sich auf eine Pfingstrose. Sie blickt so auf den Ölkäfer hinab. Sie spuckt ihr Gift in seine Richtung: Jeden Frühling das alte Lied. Sie spritzen, ich spucke Gift. Wir sind Wiederholungstäter und entbehren jeglicher Resilienz.
Leben Sie wohl.
Adieu.
Ciao.
Tschüssli.
Immer diese Anbiederung gen Norden.