15. November 2022 Doris Schöni 0Comment

Früher gab es eine grössere Vielfalt an Masseinheiten für Gewicht, Länge, Fläche, Volumen u. a. Bevor man z. B. das metrische System einführte, gab es in jeder Region unterschiedliche Längenmasse. Selbst bei gleicher Bezeichnung, wie z. B. „Elle“, war man mit über 100 unterschiedlichen Längen konfrontiert. Umso wichtiger war es im Handel, nach richtigem Mass und Gewicht abzurechnen, denn Verstösse konnten geahndet werden. Besonders verpönt war das Führen von zweierlei Mass, denn in solchen Fällen stand die betrügerische Absicht eindeutig fest. Ein passender Spruch dazu war: „Nach Nürnberger Gewicht einnehmen und nach Erfurter Gewicht ausgeben macht reich, aber nicht mit Ehren“
.

Eine entsprechende Warnung finden wir schon im Alten Testament: „Du sollst nicht zweierlei Gewicht in deinem Sack, gross und klein, haben; und in deinem Hause soll nicht zweierlei Scheffel, gross und klein, sein“
.Im erweiterten, abstrakten Sinn unserer Redewendung steht „Mass“ nicht für eine Masseinheit, sondern für die Bewertungskriterien und ihre Gewichtung. Das Sinnbild besagt: Man beurteilt verschiedene Dinge mit jeweils anderen Massstäben und ist somit nicht neutral. Das Messen mit zweierlei Mass gilt als Regelverstoss, weil es das Vertrauen in die entsprechenden, eigentlich der Objektivität verpflichteten Instanzen untergräbr dummen Überheblichkeit t.

Wie schwer sich ganze Länder, wie zum Beispiel die Schweiz, mit der Definition von Neutralität tun, zeigt der Ukraine-Krieg: die Hilfe der Schweiz wird von der SVP als Verrat an der Neutralität bezeichnet, von den anderen Parteien als Akt der Humanität. Also liegt es in der Natur des Menschen, nicht mit derselben Elle zu messen. Es ist eine Frage der Herkunft, der Erziehung, der Vorbilder, der entsprechenden Mentalität. Opportunisten neigen wohl eher dazu, je nach Situation mit der einen oder anderen Elle zu messen. Neutralität ist Objektivität, falls es diese überhaupt gibt. Der Mensch urteilt subjektiv, es fragt sich, ob er überhaupt in der Lage ist, seine eigenen Erfahrungen zu abstrahieren. Es liegt also auf der Hand, ungerecht zu beurteilen und zu richten.

Im täglichen Leben ist es nicht anders. Je nach Hautfarbe, Kleidung, Frisur, Gesichtsausdruck, Verhalten, Körperhaltung wird man beurteilt und verurteilt. Man erinnert vage an einen Massenmörder oder einen Popstar und bereits steckt man in einer Schublade. Man hat Ähnlichkeit mit der bösen Schwiegermutter oder einem Filmsternche, und schwups landet man in der nächsten Schublade.

Soviel zu Gerechtigkeit, Neutralität, Objektivität und gleichen Ellen … .

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