Seltsam. Da kommt aus dem Solothurnischen ein SVP-Nationalrat, ein gelernter Mechaniker und Motorradenthusiast, und will Frauen aus muslimischen Ländern von ihren Kleidern – er spricht immer von Burkas, obwohl es sich eigentlich um Hidschab, Tschador oder Niqab handelt – befreien. In der Schweiz, so der stramme SVPler, zeige man sein Gesicht. Der sonst bei Themen über die Rechte der Frauen in der Schweiz nicht sehr aufgeschlossene Mann setzt sich dafür ein, dass muslimische Frauen, die sich in der Schweiz bewegen, sich des Schleiers – er nennt diese Kleidungsstücke Säcke – entledigen.
Selbstverständlich ist dieser Nationalrat befugt, bei einer genügenden Anzahl von Unterschriften eine Initiative einzureichen. Bei einem solchen subtilen Thema täte eine grössere Differenziertheit not. Dass man in der Schweiz normalerweise sein Gesicht zeigt, ist unbestritten. Was aber sagt „sein Gesicht zeigen“ aus? Gesichtsausdrücke heucheln, lügen, vertuschen, geben sich je nach Sachlage und Gelegenheit reumütig, demütig, aufmüpfig, verächtlch undsofort. Wer kann Gesichtsausdrücke verbindlich deuten? Und wie verändert das Schminken, geschweige denn Schönheitsoperationen, Gesichter? Dass sich immer mehr auch Männer bei Schönheitschirurgen behandeln lassen, entkräftet die unbedarfte Äusserung, „in der Schweiz zeige man sein Gesicht“. Welches?
In „Schleiersichten – Feministische Debatten um das Kopftuch, Geschlechterkonzepte und Religion“, Vorlesung vom 23. November 2007 im Rahmen des Lehrauftrags Theologische Gender Studies: „Interreligiöser Dialog: Frauen- und Genderperspektiven“ im Herbstsemester 2007 an der Universität Luzern ist zu lesen: „Auffällig an der ganzen Kopftuch-Debatte ist, dass sich die Verbote und Gebote einmal mehr allein an die Frauen richten. Angst vor und Probleme der westlichen Einwanderungsgesellschaften mit dem Islam, aber auch Fragen zum Verhältnis von Religion und säkularem Staat, Religionsfreiheit und Emanzipation werden über die Körper von muslimischen Frauen ausgetragen. Der Kampf gegen das Kopftuch als Instrument patriarchaler Unterdrückung oder Signal eines politischen und fundamentalistischen Islam trifft – da dieses ein geschlechtsspezifisches Ausdrucksmittel ist – immer nur Frauen, nie den Mann,weder als Unterdrücker noch als politisch Agierenden, kritisieren viele feministische Gegnerinnen eines Kopftuchverbots.“
„Der Schleier ist nicht mit der Religion verknüpft, sondern mit der Tradition.
Auf der anderen Seite benutzt die rechtskonservative Schweizerische Volkspartei (SVP) auf ihren Plakaten Bilder von Frauen in einer Burka, um Angst zu verbreiten, dies sogar, um damit die dritte Ausländergeneration zu repräsentieren. Das hat keinen Sinn. Es gibt eine gewisse Schizophrenie. Wenn es ums Geldverdienen geht, gibt es keine Probleme, aber wenn es um Personen geht, die im Land leben, gibt es Probleme. Die Schweiz muss sich ihrer Scheinheiligkeit bei diesen Fragen bewusst werden.“
Elisabeth Reichen, Der Schleier in all seinen Formen: „Der Schleier entstand vor dem Islam. Seine Geschichte beginnt bereits um 1125 vor Chr. in Mesopotamien und im Mittelmeerraum. Ein assyrisches Gesetz schreibt vor, dass verheiratete Frauen und Witwen sich verschleiern müssen. „Schleier und Entschleierung“ erinnert daran, dass das Christentum die erste Religion ist, die den Frauen den Schleier vorgeschrieben hat. In der Folge ist er Teil aller drei monotheistischen Religionen geworden.“
Bei Umfragen fünf Wochen vor der Volksabstimmung für oder gegen das Vermummungsverbot würden 56 Prozent der Bevölkerung für, 40 Prozent gegen die Initiative stimmen. Ist es nicht bedenklich, dass sich so viele Schweizerinnen und Schweizer einer solch schlecht recherchierten Initiative anschliessen, die lediglich aus politischem Kalkül eingereicht worden ist? Ist der heutige Mensch derart denkfaul geworden, dass er nur noch billigen Schlagworten folgt? Es ist eine traurige, aber auch peinliche Folgerung, dass in diesem Land die Prioritäten Materialismus und Egozentrik zu ungunsten von Wissen und Menschlichkeit herrschen.