Man wirft mir vor, elitär zu sein und „ungebildete“ Menschen zu verachten. Das stimmt so nicht. Ich mag einfach Menschen nicht, die stagnieren. Rechthaber, hinterhältige Charaktere, Menschen mit Vorurteilen gegenüber jenen, die keine Handarbeiter sind und gegenüber Anders“farbigen“. Menschen, die Wasser predigen und Wein trinken. Im übertragenen Sinn.
Eine langjährige Freundsschaft verbindet mich mit Namgyal. Namgyal kam als Fünfjährige aus dem Tibet und wurde in Bern adoptiert. Sie war ein ein sportliches Mädchen, betrieb mit Erfolg Judo, aber in der Schule klappte es nicht besonders gut. Nach einer Coiffeur-Lehre und einigen Jahren als Angestellte, übernahm sie einen eigenen Salon und bald einen zweiten. Ob sie das Meisterdiplom geschafft hat, ist mir nicht bekannt. Ich lernte sie kennen durch ihren Freund Andy, mit dem ich, ich weiss nicht mehr genau warum, schon länger befreundet war.
Zusammen mit Pedro, den ich leider aus den Augen verloren habe, fanden sich Namgyal, Andy und Pedro oft zum Essen bei mir ein, wir beschäftigten uns aber auch mit anderen „Dingen“, die hier unerwähnt bleiben. Namgyal wurde meine Coiffeuse, aber sie entpuppte sich privat als sehr dezidierte, pragmatische und clevere Person, die genau wusste, was sie wollte. Andy gegenüber verhielt sie sich ehrlich fordernd, aber half ihm bei seinen teils dubiosen Geschäften. Weiterhin führte sie daneben zwei Coiffeursalons. Wir trafen uns häufigg – eben wegen der unerwähnten „Dingen“ – und ich war oft im Gespräch mit Namgyal. Ihre Sicht auf Freunde, Bekannte und ihre Adoptiveltern samt deren Eltern erstaunte mich immer wieder. Ihre Urteile waren präzis und durchdacht. Ich schätzte und schätze sie sehr, obwohl ihre sogenannte Bildung gleich null ist.
Namgyal spricht und schreibt keine Fremdsprache. Heute vertraute sie mir an, dass sie Hochdeutsch weder mündlich noch schriftlich beherrsche. Trotzdem – unterdessen bekam sie zwei Knaben, die sie zur Eigenverantwortung und Unabhängigkeit erzieht und ist mit Andy verheiratet – ist sie blitzgescheit.