25. November 2022 Doris Schöni 0Comment

Lange gebogee farblich künstlerische Fingernägel sind für mich ein Graus. Meine Vorstellung spielt mir das Kratzen dieser Nägel auf menschlicher Haut vor. Was ich mit nicht vorstellen kann, sind diese hoch gestylten Finger in einem Putzkessel mit schmutzstarrendem Wasser, den Lappen ausringend. Und sollte einer dieser Nägel abbrechen, bricht die Trägerin in Tränen aus. Das Sprichwort „Kleider machen Leute“ ist umgewandelt worden in „Fingernägel machen Frauen“. Eine neue Branche feiert Hochkultur, das Nagelstudio. Sie schiessen in der Stadt aus dem Boden wie Pilze im feuchten Herbst. Als Frau finde ich diese Krallen alles andere als sexy. Meine kurzgeschnittenen Fingernägel sind auch nicht sexy. Aber müssen Fingernägel sexy sein? Sind sie nicht einfach die Bestätigung, etwas besseres zu sein als manuell Arbeitende?

Tattoos sind für mich ebenfalls ein Graus. Es gibt Männer und Frauen, die von oben bis unten tätowiert sind. Ihre Tattoos sind die bildliche Darstellung der Biografie des oder der Tätowierten. Gibt es überhaupt noch jüngere Menschen ohne Tattoos? Am ehesten werden Namen von geliebten Menschen eingeritzt. Dass sich diese Namen im Laufe der Jahre ändern, bedenken diese Vearzierten nicht. Sie sehen auch nicht vor, dass die menschliche Haut mit der Zeit erschlafft, so dass die Illustrationen in die Länge gezogen werden. Der Begriff „Illumination“, der meistens mit Beleuchtung übersetzt wird, hat ihren Ursprung in der Buchgeschichte und beschreibt Illustrationen in Handschriften und frühen Drucken. Diese Bedeutung ist in Vergessenheit geraten und Tattoos als Illuminationen zu bezeichnen, würde zuviel Bildung verraten. Mir vorzustellen, meine Haut würde zerstochen, verursacht mir Schüttelfrost. Ein Roman eines Schweizer Schriftstellers handelt von einer Frau, deren Haut von einem hochdotierten Kunstmaler tätowiert wurde. Dieses Tattoo ist derart wertvoll, dass Mörder ausgesendet werden, um der Frau die tätowierte Haut abzuziehen. Ob dies gelingt, habe ich vergessen. Obsolete Geliebte auf der Haut zum Verschwinden zu bringen, ist aufwändig. Mit Laserstrahlen wird das falsch gewordene Tattoo „ausradiert“, wobei es nicht ganz entfernt werden kann. Deshalb wird ein neuer Name auf die leere Stelle gerstochen, und das kann sich wiederholen. Es ist sonderbar: Die Kleider der jüngeren Menschen sind vereinheitlicht, braucht es also Tattoos, um sich zu singularisieren? Letzthin sah ich eine ältere, fette Frau, die über ihren Rock eine grüne Schürze, die an farbigen Hosenträger befestigt war, trug. Sie war also alles andere als ein vestimentärer Einheitsbrei.

Fingernägel wie Krallen und Tattoos jeglicher Couleur sind ein Modediktat der heutigen Zeit. Wie lange diese Mode dauert, ist ungewiss … .

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