Seit bald einem halben Jahrhundert wohne ich in der Gemeinde Muri b. Bern. Es war ein purer Zufall, dass ich dorthin zog. Während der ersten 20 Jahre interessierte ich mich kaum für meinen Wohnort. Nach und nach begann ich mich mit dessen Geschichte und Politik zu befassen und freundete mich mit vielen Einwohnern an. Als Hundebesitzerin ergaben sich danach Gruppenspaziergänge und auch gegenseitige Einladungen. Wir entwickelten uns zu einem „verschworenen Team“ und wurden derart übermütig, dass wir ein Winterbeizli gründeten und dazu einen Imbisswagen mieteten. Keine von uns kam aus dem Gastgewerbe; wir hegten tausende von Ideen, hatten jedoch keine Ahnung von der Betriebsführung.
Damals arbeitete ich bereits einige Jahre im Lokaljournalismus und lernte die Gemeinde gründlich kennen. Zu Beginn dieser Tätigkeit wähnte ich mich politisch links stehend, feministisch und antikapitalistisch. Die SP ging mir wegen meiner Berichterstattung im Grossen Gemeinderat verloren. Ihre Vertreter gingen mir mit ihren Voten masslos auf die Nerven. Ich begegnete den unterschiedlichsten Menschen aus Politik, Wirtschaft, Kultur, Sport, aus KMUs, etc. und interviewte „Persönlichkeiten“ der Gemeinde. Es ergaben sich Freundschaften und auch Feindschaften. Da ich mehrmals umzog, erlebte ich auch verschiedene Wohnsituationen.
Was ich an Muri b. Bern schätze: Das Wohlwollen, das der Gemeinde zufällt. Einen gewissen Snob appeal. Den hohen Bildungsstandard. Die gegenseitige Toleranz in bestimmten Quartieren. Den Umgang mit Behördenmitgliedern. Die únspektakulären Wahlen. Den Umgang der Parlamentarier untereinander. Die nicht verrohte Sprache. Zudem fühle ich mich heimisch mit zahlreichen originellen und intellektuellen Personen.
Binsenwahrheit: die Zeiten ändern sich. Türen gingen auf (wirklich?): Wohnraum für Familien und mit kleiner Miete wurden gefordert. Ebenfalls Verkehrseinschränkungen. Gegen Mobilfunkantennen wurde opponiert. Photovoltaik wurde ins Parlament gebracht. Nach verdichtetem Bauen wurde geschrieen. Und nach Umweltschutz. Die „Grünen“ versuchten, in Muri Fuss zu fassen. Kein Interesse. Ein Jahr später wurden Vertreter der „Grünen“ in den Grossen Gemeinderat gewählt.
Ich bin nicht umwelthysterisch, da ich nicht mit hundert, sondern mit Millionen von Jahren rechne. Mir missfällt es, Strom zu sparen und den Backofen plötzlich nicht mehr vorheizen zu dürfen. Ich habe keine einzige Allergie im landläufigen Sinn, bin aber total allergisch gegen bio und vegan. Ich ärgere mich über all die gesundheitsbewussten und achtsamen Menschen mit esoterischen Anflügen. Familien empfinde ich als Last und möchte sie keineswegs billig unterbringen. Ich würde sehr bedauern, würden die Gymnasiumsübertritte weniger. Noch mehr Verkehrsbeschränkungen würden mich stören. Ich fürchte, die Linken und Grünen könnten Muri b. Bern nach unten nivellieren mit dem Resultat, es „gewöhnlich“ zu biegen.
Eigentlich bin ich froh, alt zu sein. Denn ich passe nicht mehr in die heutige Welt.