29. November 2021 Doris Schöni 4Comment

Seitdem die Hündin sie verlassen hat, schreibt sie sinnlose Achter in die Luft, auf ihre Jeans, auf das Autofenster. Zwei Nullen mit einem einzigen Strich verbunden. Sie hatte noch nie um einen Menschen derart getrauert. Sie sprach zu ihr: Schau, der erste Schnee. Wie hättest du dich gefreut, wärst gepurzelt und hättest deine Schnauze in den Schnee gesteckt. Und: Komm. Wo bist du? Komm doch wieder. Warum hast du mich verlassen?

Wieder sinnentleerte Achter, von links nach rechts und von rechts nach links. Achter, immer wieder Achter. Joints. Schlaftabletten, manchmal Alkohol. Tränenausbrüche nach sieben Monaten.

Noch immer wird sie darauf angesprochen: Ihnen gehört doch der Hund, der Ihnen das Leben gerettet hat. Wo ist er? Das war vor neun Jahren. Im November stürzte sie, nachdem ihr Hinterkopf auf ene Betonplatte geprallt war, mit einem Schädelbruch in den Fluss. Unfähig, sich zu bewegen, verharrte sie im eiskalten Wasser und bemerkte, dass die damals vierjährige Hündin wegrannte. Nach einer langen Weile kehrte sie mit einem älteren Ehepaar zurück. Wie man erzählte, hatte sie bellend versucht, Spaziergänger zu animieren, ihr zu folgen. Dem älteren Paar gelang es nicht, die Frau aus dem Wasser zu hieven. Ein Arbeiter zog sie schliesslich an Land. Dann kam schon die Sanität. Laut ihrem Hausarzt wäre sie etwa zehn Minuten später erfroren. Die Hündin hatte sie davor bewahrt. Ein Bericht über diese Rettung erschien in der Lokalzeitung. Die Hündin wurde berühmt in der Gemeinde.

Achter, Achter, nichts als Achter, aberwitzige Achter. Bittere Tränen. Unberechtigte Vorwürfe: Du retteste mein Leben. Ich konnte deines nicht retten. Ich hätte Jahre meines Lebens für die Verlängerung des deinen geopfert. Warum sind wir nicht zusammen gestorben? In meiner menschlichen Dummheit habe ich nicht gemerkt, als du dich endgültig von mir verabschiedest. Ich streichelte dich und ahnte nicht, dass du zum Sterben in den Garten gingst.

Ich hätte dich begleitet,  mich neben dich gelegt, deinen Kopf gehalten, deine Brust gestreichelt.  Deinen Namen immer und immer wieder gemurmelt, dir für deine Liebe gedankt und du wärst nicht alleine gestorben im aufkommenden Regen.

 

4 thoughts on “Mit dem Tod kamen die Achter … (Teil 1)

  1. Du warst da, als sie ging, ganz in der Nähe.
    Sie brauchte Ruhe. Sie wollte innehalten in der Geborgenheit, die ihr Leben ausgemacht hat.
    Sie ging leichten Fusses in den Garten, legte sich hin; und da kam sie ganz von selbst, diese Leichtigkeit, die sie sich so sehr gewünscht hatte.

  2. Liebe Doris

    Wie Du siehst lese ich Deine Blogs immer noch trotz unserem Zerwürfnis. Und diese Geschichte mit Leila, dieser Blog ist sehr gut geschrieben, feinfühlend, tiefsinnig, vertrauensselig, so anders als im täglichen Leben der Realität. Leila würde sich sehr darüber freuen und ich hoffe, sie tut es, irgendwo. Und gerade in diesen finsteren kalten Momenten (heute vor 1 Jahr starb mein geliebter Azor) sollte man sich einem neuen Freund ANVERTRAUEN. Ich hoffe, Du findest – euch beiden zuliebe – den treuen Bänz.

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