Die Affen fressen sich gegenseitig sozusagen die Läuse aus dem Pelz. Diese Redewendung geht zurück auf das letzte Jahrhundert und die Schausteller von Jahrmärkten, die für ihre Vorstellungen häufig Affen bei sich trugen. Manchmal kam es vor, dass diese Jahrmarktsaffen anfingen, die Schausteller zu lausen. Diese waren zunächst sehr erstaunt darüber. Dieser Ausdruck der Überraschung auf den Gesichtern der Artisten sorgte bei den Zuschauern für zusätzliches Gelächter. Deswegen sagt man auch heute noch „Mich laust der Affe“, wenn etwas Unerwartetes oder Überraschendes passiert.
Jahr für Jahr taucht der Gaukler Nicolas mit der Äffin Johanna und dem Border Collie Tristan in Jena zum Herbstmarkt auf. Nicolas, gross und hager, klebt immer eine Gauloise an der Unterlippe. Er hüllt sich ins Kostüm eines Waggis. Der Waggis kann als Karikatur eines elsässischen Bauern des 19. Jahrhunderts gesehen werden. Dagegen war damals, für die Elsässer selbst, ein Waggis eher eine Art Taglöhner oder Vagabund. Daher auch der Ausdruck „Waggis” – vermutlich eine Abwandlung des Wortes Vagabund. Charakteristisch ist seine Tracht: Blaue Bluse, Zipfelmütze, weisse Hose, Holzschuhe, weisser Kragen (Vatermörder), buntes (rotes) Halstuch und handgestrickte Socken. Obwohl Nicolas ein Feingeist ist, äusserst belesen und glühender Liebhaber der barocken Musik, spielt er auf Jahrmärkten den eher groben und lauten Bauern oder Vagabunden. Johanna ist adäquat gekleidet; eine Art Waggiserin, obwohl das weibliche Pendant des Waggis noch nicht existiert, und Tristans Halsband ist tricolor bleu-blanc-rouge.
Nicolas sucht eine Bleibe in der Herberge „Zum lausenden Affen“. Als der Herbergebesitzer wahr nimmt, dass der weibliche Waggis nicht menschlich, dem Menschen zwar sehr ähnlich, aber eben doch ein Tier ist, sagt er kategorisch: Der Affe bleibt aber draussern. Den Hund kannst du mitnehmen, aber nicht den Affen. Johanna versteht die Menschensprache und beginnt zu weinen. Hund Tristan heult erbärmlich. Nicolas verzichtet schluchzend auf das Zimmer. Dieser Tumult lockt viele Schaulustige herbei. Was seit dir fürnä U-mönsch, schimpft ein Billiger Jakob aus Bern bei Bärn. Die Bruchbuude brönn ich ab, zürnt ein Zürcher Magenbrot-Verkäufer, ein Genfer Seidenschal-Hersteller wiederholt immer quel sale con de con de connerie und die Basler Strumpfband-Performerin zetert scheeni nöii Schwobe-Istellig. Die Zaungäste verursachen einen ohrenbetäubenden Lärm, der die Polizei herbei lockt. Ein Polizist in Kampfuniform übertönt mit Stentorstimme den Trubel was geht denn hier vor. Er begreift erst nach einiger Zeit, dass es um die Äffin geht, die keinen Zugang zu den Zimmern hat. Der Polizist wurde streng katholisch erzogen und ist im Polizistenleben noch konservativer geworden. Was treiben Sie mit dem Affen im Zimmer, fragt er Nicolas. Äffin und Hund pflegen seit ihrer Geburt mit mir die Zimmer zu teilen. So, so, ereifert sich der Gesetzeshüter, das ist doch louche. Nun beginnen die Schaulustigen, den Polizisten niederzuschreien. Sie nennen ihn einen Heuchler, eine bigotte Sau, einen vorgestrigen toxischen Greis.
In der anschliessenden Schlägerei stehlen sich Nicolas, Johanna und Tristan im dunklen Treppenhaus in den dritten Stock der Herberge und nehmen ein prächtiges, riesengrosses Zimmer in Beschlag. Sie rücken einen Schrank vor die Türe, um unliebsame Gäste fernzuhalten. Nicolas baut die Schlafplätze für seine Tiere auf, gibt Johanna einige Bananen, Tristan einen Knochen und lässt sich mit einem tiefen Seufzer ins Menschenbett fallen. Er trinkt einige mächtige Schlucke aus einem Flachmann und zündet sich ein Pfeichen mit magischer Wirkung an. Er schläft selig ein und bemerkt nicht, dass sich Johanna zu ihm unter die Decke legt und Tristan zu seinen Füssen Platz nimmt.
Vom Lausen ist keine Rede.
Mir gefallen deine phantasievollen, witzigen Geschichten und Märchen mit meist fundiertem und reellen Hintergrund sehr gut. Du solltest diese illustrieren lassen (Kontakte hättest du ja) und warum nicht versuchen daraus ein Buch zu machen??? Es wäre ja nicht das Erste…