13. August 2021 Doris Schöni 0Comment

Ich war wohl noch keine zwölf Jahre alt, als ich durch eine glückliche Fügung Reco (ausgesprochen Retschko), einen wilden Foxterrier, bekam. Im gleichen Haus wohnte damals eine tschechoslowakische (zu jener Zeit hiess das heutige Tschechien Tschechoslowakei) Diplomaten-Familie mit dem Welpen Reco. Ich hatte ihn ins Herz geschlossen und ging oft mit ihm spazieren. Als der Diplomat in sein Land zurückgerufen wurde, schenkte er mir den Foxterrier. In meiner Freude kam mir nicht in den Sinn, dass Reco vielleicht unter der Trennung von seiner Familie leiden könnte.

Reco hatte eine Macke. Die Flugreise von Prag nach Zürich hatte ein Lärm-Trauma beim Welpen ausgelöst, waren doch die Frachträume der Flugzeuge, in denen Hunde untergebracht wurden, nicht wie heute schalldicht. Seit dem Flug litt Reco unter einer Lärmphobie, Das Geräusch von Rollermotoren schien ihn an den Fluglärm zu erinnern, denn er ging auf jeden Roller los. Zu jener Zeit waren die Roller sehr in Mode, was heisst, dass Reco auf viele Roller losging. Zudem war er ein Raufer und hasste Katzen. Deshalb liess ich ihn selten von der Leine und wenn, rannte ich mit ihm um die Wette.

War Reco alleine zu Hause, liess er sich auf dem Kanapee nieder. Der Erste, der nach Hause kam, kontrollierte die Wärme auf dem Sofa und erfühlte sofort den Platz, den er eingenommen hatte. Reco sass dann da, als könnte ihn kein Wässerchen trüben, die reine Unschuld. Manchmal überkam ihn die Rennwut. Er raste durch die Wohnung ohne Rücksicht auf Verluste. Die Kinder suchten Schutz auf den Möbeln, bis die Rennwut abklang. Wir liebten es, ihn zu verkleiden. Wir zogen ihm einen Pullover, Hosen und ein Hütchen an. Seine Pfoten steckten in Puppenschuhen. Sein Gang wurde durch die Schuhe behäbig, unsicher, als wäre er betrunken. Es störte ihn nicht, dass wir ihn auslachten. Meine ordentliche Mutter duldete keinen schmutzigen Hund. Wenn also Recos weisses Fell schmutzig war, musste er gebadet werden. Das Baden trug sich im Badezimmer in der Badewanne zu. Reco wurde mit Kernseife gerubbelt, abgebraust, wieder gerubbelt und abgeduscht, dann rannte er, sich unentwegt schüttelnd, hin und her, bis wir ihn in Frottiertücher packten, ihn abrieben und danach föhnten. Er mochte diese Prozedur überhaupt nicht.

Eines Mittags, als ich von der Schule nach Hause kam, war alles anders. Reco kam mir nicht entgegen, meine Mutter schien besorgt. Sie erzählte, dass Reco vom Tisch, der auf dem Balkon für ihn aufgestellt war, hinunter gefallen sei. Er hatte offensichtlich eine Katze entdeckt und sich derart aufgeregt, dass er ausrutschte und fiel. Aus dem vierten Stock …. Auf einen Rasen. Er habe, so wurde von Augenzeugen berichtet, in der Luft gerudert, damit er auf den Pfoten und nicht auf dem Rücken aufschlug. Der Tierarzt sei sofort gekommen und nur einen Beinbruch und wohl eine Lungenquetschung festgestellt. Reco bekam einen Gips und ging auf drei Pfoten. Es dauerte eine Weile, bis er begriff, welche Stellung ihm erlaubte, sein Bein zu heben. Reco musste zur Kontrolle zum Tierarzt. Da er nicht so weit laufen konnte, setzte ich ihn in einen Puppenwagen und brachte ihn in die Altstadt. Da die Erwachsenen in jeden Kinderwagen spähen, wurde auch mein Puppenwagen inspiziert. Die Leute lachten und einige schimpften, ein Hund gehöre nicht in einen Kinderwagen. Ich erwiderte stets: Das ist kein Kinder- sondern ein Puppenwagen.

Reco wurde alt und blind. Eines Tages musste ich ihn zum Tierarzt bringen. RIP, Reco.

 

 

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