20. April 2023 Doris Schöni 0Comment

Mein Freund M‘ ist psychisch sehr beschädigt. Von Zeit zu Zeit taucht er unter, weil ihn die Leiden seiner Kindheit und Jugendzeit überrumpeln.

M‘ war seinem brutalen Vater ausgeliefert. Er bekam täglich Prügel. Er wurde zusammen geschlagen. Grün und blau gedroschen. Aus familiären Umständen war sein Vater Analphabet. M’s Bücher schmiss er ins Feuer. Als M‘ ihm als Jugendlicher eröffnete, er wolle die Schauspielschule besuchen, bearbeitete ihn sein Vater mit den Fäusten dreimal, so als wollte er einen solchen hirnverbrannten Wunsch exorzieren.

M’s Mutter schützte ihn nicht vor dem Vater, ganz im Gegenteil schwärzte sie ihn beim Vater an. Von ihr konnte er keinen Trost erwarten. Auch nicht von seinen zwei älteren Schwestern, da sie ebenfalls geschlagen wurden und froh waren,  wenn die tägliche Reihe an M‘ war.

Die Nachbaren im kleinen Ort hörten M’s Schreie und sahen seine Verletzungen. Die Männersolidarität verband sie jedoch mit dem Vater, selbst wenn ihnen der kleine M‘ leid tat. Sie schwiegen. In der Schule blieben M’s Wunden sicherlich nicht unbemerkt, Lehrer und Lehrerinnen übersahen sie, ihre Angst vor M’s Vater war zu gross, um einzuschreiten.

Eines Tages begab sich M‘ in die Grossstadt und besuchte die Schauspielschule, die er als Taxichauffeur bezahlen konnte. Er wurde ein guter, erfolgreicher Schauspieler. Er heiratete, zeugte einen Sohn; seine Frau starb jung an Krebs. Er zog seinen Sohn alleine auf. Als dieser das Haus verlassen hatte, heiratete er wieder und zeugte noch einmal einen Sohn. Seine Frau und M‘ trennten sich, blieben aber verbunden und „teilen“ sich ihren Sohn, indem beide mit ihm für jeweils eine Woche zusammenleben.  Eine für alle Beteiligten eine optimale Regelung.

Es sind Dämonen, die M‘ aus Kindheit und Jugendzeit heimsuchen. Beide seine Eltern sind gestorben. Sie leben und freveln jedoch in seiner Vorstellung weiter.  Ein schlechtes Gewissen beutelt ihn, weil er seinen Vater umzubringen gedachte. M‘, der nur einmal seine Hand gegen den Vater erhoben hatte, jedoch körperlich viel schwächer, ihm also unterlegen war, ist in solchen Tagen ein zitterndes, weinendes Häufchen Elend, er kapselt sich ab, liegt im Bett, schluchzt, bebt, und nichts kann ihm dagegen helfen. Am ehesten seine von ihm getrennte Frau, sie kommt, nimmt seine Hand, hält ihn, in ihrer Anwesenheit beruhigt er sich langsam.  Seitdem M‘ in einem Psychodrama mitspielt, verringern sich seine Attacken.

M‘ hat den Schauspielberuf an den Nagel gehängt, er arbeitet im Rollenspiel als Examinator und  zusammen mit seiner ehemaligen Gattin als Handwerker.  

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