23. August 2021 Doris Schöni 0Comment

Vor 60 Jahren war es gang und gäbe, als junge Frau von älteren, hoch qualifizierten Kollegen sexuell belästigt zu werden. Frau entwand sich und erdudete stillschweigend die Übergriffe.

Es ereignete sich in der angesehenen Schweizerischen Landesbibliothek, heute unbenannt in Nationalbibliothek. Die Schweizerische Nationalbibliothek ist eine Institution des Bundesamtes für Kultur innerhalb des Eidgenössischen Departementes des Innern. Einer der Abteilungsleiter, der auch die Auszubildenden betreute und examinierte, war besonders aufdringlich. Unglücklicherweise wohnte er, der ehemalige, dann aber verheiratete und kinderreiche Priester, in der Nähe von mir. Wenn wir beide jeweils am Mittwochabend Dienst hatten, nötigte er mich, mit ihm zu Fuss nach Hause zu gehen. Er belästigte mich ununterbrochen, drückte mich gegen Zäune und Hauseingänge und versuchte – vergeblich – mich willfährig zu machen. Er versuchte dies natürlich nicht nur bei mir. Und er war – selbstredend – nicht der einzige Mann und Akademiker, der allen jungen Frauen nachstellte.

Wenn man sich ins Büchermagazin begab, drohte die männliche Gefahr hinter jedem Büchergestell. Man wurde hinterrücks gepackt und drohte, vergewaltigt zu werden oder wenigstens den „armen“ Männern, Ehegatten und Vätern, in ihrer Not zu helfen. Sie liessen sich durch kein „nein“ abwimmeln, bestanden auf ihrem Recht als Mann. Und damals kleideten sich die Frauen dezenter als heute. Wir provozierten sie in keiner Weise. Wir waren einfach jung, das wars.

Einer der Männer wurde angezeigt. Alle jungen Frauen mussten bei einem Anwalt Red und Antwort stehen. Mein Vater wusste von der Geschichte. Er riet mir, zu schweigen, obwohl der Beschuldigte auch Übergriffe auf mich verübt hatte. Schliesslich sei der Mann ein verheirateter Familenvater und Katholik. Ich hörte nicht auf meinen Vater und erzählte dem Anwalt, was geschehen war.

Der verheiratete Familienvater, Katholik und Dr. phil. wurde entlassen. Kurz darauf erlitt er einen Hirnschlag und lebte danach versehrt bei seiner Frau, die in Zermatt ein Hotel führte.

Manchmal sah ich ihn am Bahnhof von Zermatt, wo er das Gepäck der Hotelgäste mühsam auf einen elektrischen Wagen hisste. Nein, ich empfand kein Mitgefühl und Erbarmen mit ihm.

Das Bild dieses wirklich gestraften, verheirateten Familienvaters, Katholiks und Dr. phil., war wie eine frühreife Vision des beinahe 60 Jahre später entstandenen Hashtags „Me Too“.

 

 

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