13. Januar 2020 Doris Schöni 0Comment

Eltern von schulpflichten Kindern wundern sich, dass weder in der sechsten, siebten oder achten Klasse in verschiedenen Schulen im Jahr vielleich zwei Diktate und ein Aufsatz geschrieben werden müssen. Ja, was lernen die Schüler sonst im Deutschunterricht?

Im Zusammenhang mit dem Pisa-Test wurde festgestellt, dass ein grosser Teil der 15-jährigen Schüler einen zusammenhängenden Text nicht versteht. Diese Schüler sind also ausserstande, Zeitungsartikel, Beipackzettel oder Wahlempfehlungen zu begreifen. In der Schweiz gibt es rund 500’000 Personen, die beim Schulaustitt nicht richtig lesen und schreiben können. Rund 16 Prozent der Schweizer Wohnbevölkerung beherrschen das Lesen und Schreiben nur unzureichend. Die Lese- und Schreibschwäche trotz Schulbesuch wird heute Illettrismus genannt, früher wurde sie als funktionaler Analphabetismus bezeichnet. Illettrismus ist aber nicht gleichzusetzen mit dem Analphabetismus, denn damit sind Menschen gemeint, die nie Lesen und Schreiben gelernt haben. 1989 betrug die Zahl der funktionalen Analphabeten in den westlichen Industrieländern laut UNO-Angaben ca. 5%. Im Internationalen Alphabetisierungsjahr der UNO (1990) schätzte die Unesco die Zahl der funktionalen Analphabeten in der Schweiz ― bei einer vermutlich hohen Dunkelziffer ― auf gegen 30’000. Gemäss einer OECD-Studie besassen 1995 in der Schweiz 13-19% der Erwachsenen zu geringe Lese- und Schreibfähigkeiten, um den Erfordernissen der Arbeit und des Alltags zu genügen.

Was sind die Gründe für die zunehmende Lese- und Schreibschwäche? Im Zug der zunehmenden Mediatisierung der Industriegesellschaften ausgangs des 20. Jh. befürchten kulturpessimistische Stimmen das Absinken der Lese- und Schreibfertigkeit  und deren allmähliche Substitution durch die Fähigkeit, mit elektronischen Bildern besser als mit Texten umgehen zu können. Eine neue Epoche stellte Bilder über den Text. Das ominöse Sprichwort „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“ war in aller Munde und keiner kam auf die Idee, dieses Satz umzukehren. Nicht nur die heutige Jugend, auch dessen Eltern versenden ständig Bildchen, und falls es einen Text dazu gibt, ist er in (fehlerhaftem) Dialekt mit (falsch angewandten) Anglizismen verfasst. Zudem kastrieren Emojis das Vokabular: Sie drücken in Bildchen aus, was man nicht mehr zu schreiben fähig ist.

Kaum mehr Diktate und Aufsätze in der Schulzeit: Die Lehrpläne und folglich auch die meisen Lehrer haben sich „modernisiert“ und die digitalen Möglichkeiten in den Deutschunterricht zu Ungunsten der Sprachkenntnisse eingebaut. Sprachwissen verlor an Bedeutung, und mit der Dialektwelle, die dafür einstand zu sprechen, „wie einem der Schnabel gewachsen ist“, fielen Lesen und Schreiben in Ungnade. Die Gratiszeitungen trugen dazu bei, mit kurzen Sätzen die Sprachfertigkeit zu mindern. Lesen und vor allem Schreiben bekamen die Konnotation „intellektuell“ – ein Unwort in der heutigen Zeit.

Ist man ewiggestrig, wenn man befürchtet, dass mit der Verwahrlosung der Sprache die Verwahrlosung des Geistes einher geht?

 

 

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