20. Juli 2020 Doris Schöni 1Comment

Mein Cousin aus Haifa, etwa gleichaltrig, las und liest sozusagen dieselben Bücher wie ich. Er auf Hebräisch und Englisch, ich auf Deutsch und Französisch. Eine Koinzidenz der besonderen Art. Wir sind völlig anders aufgewachsen, haben unterschiedliche Schulen besucht und übten keine ähnlichen Berufe aus. Beide hatten verschiedene Stellen inne. Und: Er hätte wie ich lieber einem anderen Broterwerb ausgeübt.

Mein bester Freund und Nachbar ist eine Leseratte im wahrsten Sinn des Wortes.Er liest querbeet philosophische und historische Bücher, Bestseller, Biografien, Kunstbücher, spanische und südamerikanische Autoren, englische Kurzgeschichten und vieles mehr. Er empfiehlt und tauscht Bücher, diskutiert über Bücher, kauft sie in Brokis oder bestellt sie online. Wenn er nicht Kunst „macht“, so liest er. Kunst schaffen fordert viel Energie und diese erneuert er durchs Lesen. Eine Synergie der etwas anderen Art, nämlich der Zusammenarbeit mit sich selbst.

Vor 70 Jahren wurde das Bücherlesen oft als Müssiggang bezeichnet. Ein mittelalterlicher Mann erzählt, dass sein Vater ihn verprügelte,  wenn er ihn beim Lesen ertappte. Es gibt Haushalte, in denen sich die Bücher bis zur Decke stapeln und andere mit Nippes auf den  Büchergestellen. Die einen Menschen sammeln Bücher und andere entsorgen sie nach dem Lesen sofort.

Ist Lesen eine Sucht und eine Flucht? Eigentlich müsste man die beiden Subjektive zusammenziehen in Fluchtsucht. Eine Flucht, um der Wirklichkeit, dem Alltag, den täglichen Miseren zu entkommen, sich in eine Fantasiewelt mit Identifizierungsgelegenheiten zu begeben, sich abzusetzen, sich zu verweigern, sich in einer Wohligkeit zu suhlen. Das ist wie eine Droge, die zur Sucht wird. Andererseits ist es wichtig, eine gepflegte Sprache ohne Dialektwörter, Emojis, Anglizismen, Werbungsunsprache, falsches Deutsch zu lesen. Zudem fördert die Lektüre die Fantasie, da vieles nur angetönt, nicht aber ausgesprochen wird. Und sie stösst die Scheuklappen des Lesenden auf, sein Horizont wird dadurch erweitert und je mehr ein Mensch weiss, desto grösser wird sein Verständnis für anders Denkende und Andersartige.

Lesen – ein sonderbares Phänomen.

 

 

One thought on “Lesen – ein sonderbares Phänomen

  1. Eben bin ich per Zufall auf deinen älteren Blog übers Lesen gestolpert. Er spricht mir so aus dem Herzen, dass ich einfach einen Kommentar dazu schreiben MUSS. Lesen ist so etwas Bereicherndes. Ich war schon als Kind eine „Leseratte“ und die Bibliothekarinnen machten sich immer lustig über die Stapel Bücher, welche ich mitnahm und schon nach sehr kurzer Zeit wieder zurück brachte. Natürlich ist es neben der Wissbegier auch eine Art Flucht vor der Realität. Aber die fantasievollen Geschichten, die vielen Lebensläufe von Menschen, die oft so anders ticken als man selber oder aber so ähnlich, dass man sich wiedererkennt. Lesen ist eine Bereicherung der Seele und des Intellektes.

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