Der Begriff „kulturelle Aneignung“ ist in aller Munde. Er könnte das Unwort des Jahres 2022 werden. Dabei muss berücksichtigt werden, dass es in der Natur des Menschen liegt, andere nachzuäffen. Nicht nur in der Kultur, sondern auch in der Kulinarik.
Bis in die fünfziger Jahre ass man in der Schweiz sehr schweizeisch. Nach diesem Zeitpunkt begann man, ins Ausland zu reisen und brachte erstmals aus Italien, Spanien, Frankreich, etc. Rezepte von Speisen mit nach Hause, die mit oder ohne Kochbuch nachgekocht wurden. Plötzlich wurde entdeckt, dass fremdes Essen hervorragend mundet, also wurden solche Gerichte in den Schweizer Wochenspeiseplan integriert.
Mit der Ausdehnung der Reiseziele kamen immer exotischere Gerichte dazu, gleichzeitig entstanden, vorwiegend in den grösseren Städten entsprechende Restaurants. Es war chic, fremd zu essen, mit Stäbchen zu hantieren und sich mit anderen Reisenden über Guacamole, Hummus, Durians, Nasi Goreng oder Langusten Thermidor zu unterhalten. Im 20. Jahrhundert fand eine Art Demokratisierung der Küche statt: auch Menschen, die sich Spitzenrestaurants nicht leisten konnten, bekamen Zugang zu ausländischen Leckerbissen.
Laut einer Umfrage von CNN wurden folgende zehn Länder als die gastronomisch beliebtesten genannt:
- Taiwan
- Philippinen
- Italien
- Thailand
- Japan
- Malaysia
- Honkong
- Indien
- Griechenland
- Vietnam
Wenn man bedenkt, dass die Nahrungsmittel aus acht der zehn Länder eine lange Reise benötigen, so sind sie nicht nachhaltig und verbrauchen eine Menge Strom. Dies berücksichtigt die sogenannte Klimajugend in keiner Weise, isst sie doch liebend gerne thailändisch und indisch. Die Schweizer Küche wurde vielfältiger, gewürzter (in den frühen 50er Jahren waren lediglich Salz, Pfeffer, Liebstöckel und Petersilie zu kaufen) und bunter. Und kein Mensch scherte sich darum, dass diese Mode zur Umweltverschmutzung beitrug.
Ungeklärt bleibt die Frage, ob diese kulinarische Ausweitung nicht eine kulturelle Aneignung bedeutet. Wir stehlen fremdes Kulturgut – gedankenlos.