12. November 2020 Doris Schöni 0Comment

Der TV-Sender „Welt“ bot wieder zu später Stunde eine Dokumentation über Berlin 1945. Berlin, die völlig zerschlagene Hauptstadt des Dritten Reiches. Die Sowjetarmee befindet sich nur noch 100 Kilometer vor den Toren Berlins, Adolf Hitler hat sich noch nicht feige aus der Verantwortung gezogen, und seine Befehle lauten: Kämpfen bis zum letzten Blutstropfen – selbst Knaben schiessen und schiessen, bis sie mit 12 oder 15 Jahren „fallen“ (im Krieg stirbt man nicht, man fällt).

Die Zivilbevölkerung verlässt die Luftschutzkeller nicht mehr, während ihre Wohnungen zu Schutt und Asche gebombt werden. Vor Angst, Kälte und Hunger sind sie gelähmt, ihre Gedanken kreisen nur ums Überleben. Die Russen erobern Berlin, die US Army marschiert ebenfalls in Berlin ein, als nach der Kapitulation von Deutschland (der „Führer“ hatte sich inzwischen erschossen) der Zweite Weltkrieg als beendet erklärt wurde, brach ein unglaublicher Jubel in Berlin aus. Trotz Frieden konnten sich manche Leute nicht abgewöhnen, stramm stehend „Heil Hitler“ zu schreien.

Die Nachkriegsjahre waren sehr hart für die deutsche Bevölkerung. Viele starben an Hunger und Kälte. Es gab kaum unbeschädigte Häuser, die Essensrationen waren spärlich, der Schwarzmarkt blühte, die Leute verkauften alles, was ihnen an Besitz geblieben war. Eine grosse Zahl von Frauen wurden von Russen und Amerikanern vergewaltigt – man sprach von „Schändung“ – und baten die Justiz um die Bewilligung für eine Abtreibung. Es waren die Amerikaner, die den deutschen Frauen ein verheerendes Zeugnis ausstellten. Ein kleines amerikanisches Geschenk und sie standen zur Verfügung.

Auf der anderen Seite verhielten sich die Frauen heldenhaft. Sie setzten sich für den Abbruch zerstörter Häuser ein, versorgten die Verletzten als Ärztinnen oder Krankenschwestern und standen stundenlang um Brot an. Kamen sie dann an die Reihe, erhoben sie die Arme wie zum Hitlergruss, um ein kleines Stück Brot zu ergattern. Es waren die Frauen, die sich über die Besetzer (die sowjetischen) beklagten. Man behandle sie wie Vieh und sie würden ständig erniedrigt. Sie müssen mit geschlossenen Augen und verstopften Ohren die Kriegsjahre durchlaufen haben … .

Der Nürnberger Prozess. Nur etwa ein Duzend der unmenschlichsten Nazi-Grössen waren angeklagt. Auf der Anklagebank scherzten sie  zusammen als wären sie Schulbuben und auf die Frage, ob sie schuldig seien, antwortete jeder: „Nicht schuldig“. Einer fügte noch bei, er habe nur die Befehle des „Führers“ befolgt, also einfach nur seine Pflicht ausgeführt. Ein Heer von gehorsamen Gehilfen bei Folterungen, Erschiessungen, von Gaskammern-Erstellern und -Betreibern, Kommandanten in Konzentrationslagern, Plünderern und so weiter und so fort, wurden für ihre Taten nicht belangt und kehrten in ihre angestammten Berufe zurück, als Richter, Lehrer, Journalisten, etc.

Die TV-Dokumentation zeigte vornehmlich das Elend der deutschen Zivilbevölkerung in den ersten Nachkriegsjahren. Ein Elend, das man verdrängt, indem man sich versichert, die deutsche Bevölkerung sei selber schuld daran, schliesslich hätten sie ja dem „Führer“ und seinen Befehlsempfängern zugejubelt.

Es ist erschreckend, dass sich noch heute blutige Kriege ereignen, in denen Menschen auf Menschen schiessen. Ist die menschliche Sprache so armselig, dass sie nicht imstande ist, Probleme verbal zu lösen? Hat der, der am lautesten schreit, einen Vorteil gegenüber den Leiseren? Warum sind so viele Menschen schiesswütig? Welche Faszination geht von Toten aus, die man bestehlen kann? Ist es Gleichgültigkeit oder Abgedroschenheit, wenn die Krieger ungerührt über Leichen ohne Gesichter, mit herausgespritztem Gehirn, in einer Blutlache liegend, treten? Und zuletzt: Was ist beim Menschen während der Evolution schiefgelaufen, dass sie „Führer“ benötigen, dass sie den vermeintlichen Oberen aufs Wort gehorchen und blind deren Befehle – seien sie noch so absurd und grausam – befolgen?

 

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