Markus Metz und Georg Seesslen kleiden die Gefahr der Infantilisierung der heutigen Gesellschaft in Worte, was bedeutet: ein vages Gefühl wird bestätigt.
Wird Spass haben zum beständigen Lebensziel, fragen die beidern Autoren zu Beginn ihrer 6-seitigen Abhandlung über „Gesellschaft im Sog der Infantilisierung, Spiel, Spass und ewige Jugend“. Infantilisierung scheint vor allem ein probates Mittel für die Manipulation von Konsumentenwünschen. Unter Infantilisierung versteht man im Allgemeinen eine Vermischung von drei Impulsen: Da ist einmal die Komplexitätsreduzierung – ein Widerwille gegen alles Komplizierte, Widersprüchliche und Relativierende . Zweitens die Verwandlung aller Kommunikationsformen in Spiel und Spass mit einem Hang zu Intimisierung und Verniedlichung. Und drittens ist da der Sieg des kindlichen Narzissmus und Egoismus über erwachsene Verantwortlichkeit und Reflexion. Ist der Vorwurf der Infantilisierung gar „klassistisch“ oder „elitär“, also von Leuten erhoben, die sich als etwas Besseres wähnen?
Der Begriff Infantilismus bezeichnet den Zustand des Stehenbleibens auf der Stufe eines Kindes. Die postmoderne, postbürgerliche und postaufklärerische Medien- und Konsumgesellschaft will ihren Mitgliedern das Erwachsenwerden schwer machen, weil erwachsene Menschen weniger Konsumlust entwickeln und schwerer zu manipulieren sind. So entstand eine Kultur der allgemeinen Infantilisierung, also eine Folge von Unterhaltung und Massenkultur.
Die Fähigkeit zur Selbstbeherrschung und zum Aufschub unmittelbarer Bedürfnisbefriedrigung, ein differenziertes Vermögen, begrifflich und logisch zu denken, ein besonderes Interesse sowohl für die historische Kontinuität als auch für die Zukunft, die Wertschätzung von Vernunft und gesellschaftlicher Gliederung. Ist also Infantilisierung der Verlust oder der freiwillige Verzicht auf Fähigkeiten wie Selbstbeherrschung, Vernunft und historisches Bewusstsein?
Symptome von allgemeiner Infantilisierung: Der Distanzverlust. Mittlerweile erscheint es fast schon normal, von den imaginären Stimmen der Ökonomie, der Medien und der Politik im Tonfall familiärer Vertraulichkeit angesprochen zu werden. Im Verkehrsfunk des öffentlichen Rundfunks, auf der Webseite und im Mailing der Bank, in der Fernsehwerbung oder in Twitter-Botschaften von Politikerinnen und Politikern ist das Du verbreitet als befände sich der Sender bereits im Intimbereich von Freundschaft und Familie. Ein erwachsener Mensch sollte die Freiheit und die Fähigkeit haben, Distanz oder Nähe zu seinen Mitmenschen selbst zu bestimmen. Das Recht auf Intimsphäre und auf gebotenen Respekt steht einem erwachsenen Menschen nicht nur räumlich, sonderen auch sprachlich zu. Insbesondere im deutschen Sprachraum besonders auffällig ist eine Form der Vertraulichkeit, die sich nicht zuletzt im allfälligen Duzen ausdrückt.
Wenn die ewige Kindheit zum inneren Ideal wird, als müsste man seine ganze Arbeitskraft und seine Gier nach Reichtum in den Dienst der Erfüllung von kindischen Wünschen stellen, um sich Luxus zu leisten, der genau besehen nur eine Rückkehr von Spielzeugt in Form der Superware ist. Die ewige Jugend wird zum äusseren Ideal. Man versucht mit Hilfe von Kosmetik, Lebensstil und plastischer Chirurgie nicht nur den Prozess der Alterung aufzuhalten, sondern auch der Routine, der Langeweile oder auch der Verantwortung des Erwachsenenseins zu entkommen. Die Mainstream-Gesellschaft orientiert sich in Mode, Sprache und im Freizeitverhalten an der Jugend, genauer genommen an dem, was man sich unter Jugend vorstellt.
Es ist nicht Glück, was unser System seinen Menschen verspricht, und schon gar nicht Weisheit oder Erleuchtung. Es ist der Fun, der Spass, der den Sinn des Lebens ausmacht und für den man alles Erdenkliche tun soll. Das Spass-Haben wird zum beständigen Lebensziel . Wer Spass-Haben als Lebensziel akzeptiert hat, kann mit Frustrationen und Schwierigkeiten nicht mehr umgehen. Drei grosse Quellen sind verantwortlich für die allgemeine Infantilisierung:
- Die werbetreibende Wirtschaft mit ihrem Interesse an Konsumenten …
- Eine profitorientierte und marktgängige Medienwelt, die ihren Adressaten immer weniger erwachsenes Denken zumutet …
- Eine populistische Politik, die mehr über Talk Shows, Bierzeltauftritte und emotionale Twitter-Nachrichten … funktioniert …
Die Verbildlichung führt zur Infantilisierung. Die Verbildlichung der Geschichte, Dinge müssen, um akzeptiert zu werden, verbildlicht werden. Zum erwachsenen Denken gehören im Allgemeinen die Fähigkeit zur Abstraktion, Kritik und Selbstkritik, Unter kindlichem Denken stellen wir uns eher ein holistisches, narratives und visuelles Geschehen vor.
Dazu eine persönliche Bemerkung: Der gestern Abend ausgetragene Eurovision Song Contest offenbarte sehr deutlich die heute grassierende Infantilisierung. Stimmen und Lieder (Songs) sind nicht mehr ausschlaggebend für einen Erfolg. Ohne Show mit komplexen Choreografien, was zu extremen Verrenkungen, Akrobatik, Schreien, anstatt Singen, führt, geht es in der heutigen Zeit nicht mehr. Wie in der Werbung wollen die Menschen Geschichten – Märchen – und Action. In der gestrige Übertragung blieb ein einziger „Performer“ statisch, um das auszugleichen, steckte er in einem Priestergewand, darunter gut sichtbar trug er ein Netzhemd. Ein Geistlicher mit Netzhemd: Blasphemie. Daran denken die kindlichen Verantwortlichen der Shows nicht … .