Auf meinen Blog „Kinder … Kinder …“ wird mir entgegnet: „Die Schweizer Kinder stehen unter grossem Druck von den Eltern, sie fürchten sich vor der (vielleicht arbeitslosen) Zukunft, quälen sich, ob sie imstande sein werden, eine Familie zu ernähren …“. Ich habe etwas recherchiert und das Resultat der Recherche gibt der Entgegnung recht. Zum Beispiel:
Rund die Hälfte der Schweizer Jugendlichen leiden unter Stress und Leistungsdruck
Doris Zumbühl, in: Schweizer Jugendstudie “Juvenir“ der Jacobs Foundation, 31.08.2015 (Originalstudie)
Zu diesem Ergebnis kommt die vierte repräsentative Schweizer Jugendstudie “Juvenir“ der Jacobs Foundation. Die Studie zeigt, dass der Stress in Schule, Ausbildung und an der Uni und nicht im Privatleben entsteht. Besonders betroffen sind Mädchen.
Stress hoch drei in Uni, Schule und Lehre: 75 % der Studentinnen und 72 % der Schülerinnen sind häufig bis sehr häufig gestresst – bei den männlichen Studenten sind es 57 % und bei den Schülern 49 %. Bei den Auszubildenden sind 60 % der weiblichen Jugendlichen gestresst und 39 % der männlichen. Ihre Freizeit erleben die Schweizer Jugendlichen dagegen weitestgehend stressfrei: Durch Sport fühlen sich nur 17 % häufig bis sehr häufig gestresst, durch Hobbys nur 14 % und durch die Präsenz in Sozialen Medien gerade mal 5 %.
Erfolg in Schule, Ausbildung und Studium besitzt für Schweizer Jugendliche höchste Priorität: Für über 90 % ist der Erfolg wichtig – für mehr als die Hälfte der Jugendlichen (53 %) sogar sehr wichtig. Erfolg hat aber seinen Preis: Fast die Hälfte der gestressten Jugendlichen (46 %) setzen sich selbst unter Leistungsdruck, weil sie immer alles möglichst gut erledigen wollen, weitere 40 % führen ihren Stress zumindest zum Teil darauf zurück. Hinter dem hohen «selbstgemachten» Leistungsdruck stecken auch massive Ängste: Insgesamt sagen 44 % der gestressten Jugendlichen, dass sie Angst um ihre berufliche Zukunft haben.„Der Tenor der Ergebnisse unserer vierten Juvenir-Jugendstudie ist bedenklich für die Schweizer Gesellschaft“, sagt Sandro Giuliani, Geschäftsführer der Jacobs Foundation. „Einerseits bildet die Leistungsorientierung der Jugendlichen eine ausserordentlich gute Basis, damit das Wirtschafts- und Sozialsystem der Schweiz auch künftig im internationalen Wettbewerb bestehen kann. Andererseits droht eine zu hohe Stressbelastung negative Folgen für die Jugendlichen, die Wirtschaft und die gesamte Gesellschaft nach sich zu ziehen. Hierzu braucht es einen breiten gesellschaftlichen Dialog und neue Lösungsansätze!“
Häufiger Stress und Leistungsdruck haben psychische Auswirkungen: Knapp 80 % der Mädchen und über 60 % der Jungs, die sehr häufig oder häufig unter Stress stehen, zweifeln bei Leistungsdruck an sich selbst und ihren Fähigkeiten. In diesem Zusammenhang berichten 69 % der Mädchen und 49 % ausserdem von Niedergeschlagenheit und Traurigkeit.Kaum Zeit für Freizeit und Engagement.
Ist der Leistungsdruck hoch, wird die Zeit knapp. Am häufigsten nennen die Schweizer Jugendlichen als Ursache von Stress eine generelle Zeitknappheit (89 %). Das hat Folgen für Freizeit und private Aktivitäten: Mehr als die Hälfte der Befragten sagen, dass Jugendliche nicht mehr genug Zeit für soziales Engagement oder Vereinsleben (51 %) oder Zeit für Hobbys und Treffen mit Freunden (52 %) haben.
Weiter: Frage: Was stresst die Jugendlichen? Angst vor schlechten Noten, der alltägliche Termindruck sowie Streit mit der Familie und oder Freunden – das erleben Jugendliche als besonders stressig.
Das Leben ist unübersichtlich. Im Vergleich zu früher wird das Leben für alle Altersgruppen unübersichtlicher. Der Eintritt in den Beruf und die Heirat, die vor ein paar Jahrzehnten noch als Meilensteine den Beginn des Erwachsenenlebens markierten, haben sich zeitlich weit nach hinten verschoben. Für manche werden sie erst im vierten Lebensjahrzehnt Realität, für andere sogar nie.
Zwischen Abhängigkeit und eigenem Stil. Heutzutage beginnt die Jugendphase früher und dauert länger. Jugendliche sind in dieser Zeit oft lange ökonomisch von ihre Eltern abhängig. Trotzdem sollen und wollen sie ihren eigenen Stil, ihr eigenes Leben finden. Das erfordert Ausprobieren, Mut und flexible Entscheidungen über den nächsten Lebensschritt.
Wunsch und Realität klaffen auseinander. Wie werde ich erwachsen? Einen klar vorgezeichneten – und vor allem sicheren – Wege zu einem Leben als selbstständiger Erwachsener gibt es immer seltener. Viele Jugendliche, die heute einen Ausbildungsplatz haben, bangen darum, übernommen zu werden. Studienabsolventen lavieren sich mit Praktika und schlecht bezahlten Jobs durchs Leben. Die Medien dagegen führen ihnen gleichaltrige, erfolgreiche Stars und Jungmanager vor. Diese Welten klaffen weit auseinander. Wer es nicht schafft, unter diesem Druck seinen eigenen Weg zu finden und zu akzeptieren, gerät zusätzlich unter Stress.
Eine eigene Persönlichkeit werden. Jugendliche wollen unverwechselbare Persönlichkeiten sein und sich gleichzeitig erfolgreich in ihre Freundesgruppe einbinden. Sie müssen offen sein für Chancen und flexibel genug, sich auf die sich verändernden Bedingungen einzustellen.
Hohe Anforderungen an Jugendliche. Die meisten Jugendlichen entwickeln die nötigen Strategien, um mit den widersprüchlichen Anforderungen erfolgreich fertig zu werden. Etwa jeder fünfte aber ist damit mindestens zeitweise überfordert. Das kann zu depressivem, aggressivem oder auch zu Suchtverhalten führen. Wer dagegen früh lernt, mit Stresssituationen konstruktiv umzugehen und wer Unterstützung durch die Familie, Freunde und Schule erfährt, kommt mit dem Stress im Jugendalter besser klar. (Shell Jugendstudie. Frankfurt, 2006; Hurrelmann, K., Schwindende Kindheit – Expandierende Jugendzeit, Vortrag bei der Dr. Margit Egnér Stiftung in Zürich, 2003.)
Fazit: Offensichtlich ist der Stress der Jugendlichen in Kolumbien – Lebensgefahr – und jener der Schweizer – psychischer Stress – nicht vergleichbar. Andererseits scheint der Stress über alltägliche physische Gefahren essenzieller zu sein als über hypothetische Ängste.