30. August 2022 Doris Schöni 0Comment

… oder vermeintlichen Krisenzeiten besinnt sich der Mensch auf seine Wurzeln. Im Augenblick zeigt sich diese Nostalgie im grossen Interesse der schweizerischen Allgemeinheit am Nationalsport Schwingen. 50’900 Zuschauerinnen und Zuschauer  besuchten das Eidgenössische Schwing- und Älplerfest in Pratteln. (Zum Vergleich: an einem Weltcupturnier im Fechten zählt man vielleicht 150 Zuschauer!)

Zurück zu den Wurzeln: die Bauersame verkörpert in der Volksmeinung Traditionen und Konservatismus. Deshalb bedeutet Schwingen eine sichere Insel im Tohuwabohu dieser Zeit.

Schwingen nennt man den Zweikampf zwischen zwei kräftigen Gestalten, mit eigenen Regeln, Griffen und Schwüngen. Dabei messen sich die schweizweit bekannten Bösen (die besten Schwinger) an kleineren und grösseren Schwingfesten. An den Eidgenössischen Schwing- und Älplerfesten wird alle 3 Jahre der Eidgenössische Schwingerkönig erkoren. Schwingen unterscheidet sich vom Wettkampfringen vor allem dadurch, dass alle Griffe fest vorgeschrieben sind und die Schwinger Trikots oder Hemden sowie lange Hosen tragen, über die eine kurze Schwingerhose aus starkem Drillich gezogen ist. Die Beine dieser Schwingerhose sind so hochgerollt, dass sie einen Griff bilden. Die Wurzeln des Schwingsports in der Schweiz sind nicht eindeutig zu bestimmen. Eine erste Darstellung aus dem 13. Jahrhundert (in derKathedrale von Lausanne) zeigt bereits die typische Art, Griff zu fassen. In der Zentralschweiz und im Mittelland, vorab im (Vor-) Alpenraum gehörte der Hosenlupf zum festen Bestandteil der Festkultur. An zahlreichen Alp- und Wirtshausfesten schwangen Bauern, Sennen und Küher um ein Stück Hosentuch, ein Schaf oder um andere Naturalien, wobei der Ruhm des Sieges weit mehr zählte als der materielle Wert des Preises. Eine Neubelebung des Schwingens brachte das erste Alphirtenfest zu Unspunnen 1805, zu einer Zeit, kurz nachdem die Schweiz während der Helvetik unter französischer Fremdherrschaft gestanden war. Das Bestreben dieses Fests war ausdrücklich die Hebung des schweizerischen Nationalbewusstseins.

Das Rieseninteresse am Schwingen kann nicht an der Ästhetik dieses Sportes liegen. Wenn sich zwei Riesenmänner, breit, massig, stierennackig mit Hosen über den Hosen balgen, mitunter intim balgen, indem der Sieger auf dem Verlierer liegt und diesem das Sägmehl von den Schultern streicht, so hat sich die Eleganz verflüchtigt. Warum sich derart viele weibliche und männliche Eidgenossen für diesen Sport, heute ein Spitzensport, begeistern? Wenn die Aussenwelt unübersichtlich wird, so zieht sich der Mensch in die sichere Innenwelt zurück, er igelt sich ein in seinem Land, das er kennt. Und geht es nicht auch ums Festen, um problemloses Festen, ums Trinken und Zuprosten, ums Zusammensein mit Ätti und dem Bueb und ums Teilen eines harmlosen Vergnügens? Möglicherweise ist es auch die Sehnsucht nach tatsächlichen Mannen, die nicht verweich(b)licht sind und eine toxische Männlichkeit vorgeben.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert