24. Juni 2021 Doris Schöni 0Comment

Die Wirtsleute tun mir leid. Er, mit sieben Jahren in die Schweiz gekommen, sie, eine Seconda, ein elegantes, reiferes Ehepaar, hat wegen Corona viele Gäste verloren, und an diesem Abend servieren sie gerade vier Nachtessen, etwas Wein, einen Grappa und viel, sehr viel Bier, wie übrigens an den Nachmittagen auch.

Der Besitzer hat die Getränke aller Gäste, die mehr als einmal sein Lokal oder seine Terrasse besuchen, genau im Kopf und bringt sie zum Tisch, sobald man aus dem Auto steigt. Er ist ein perfekter Gastgeber, kennt seine einheimischen Besucher genau und klopft Sprüche mit ihnen, man bemerkt doch sofort, dass er aus Italien stammt, das sieht man an seinen schicken Schuhen und seinen behenden Bewegungen. Seine Frau, die erst am Abend zu Hilfe kommt, blondiert und in modischem Outfit gekleidet, ist ebenso flink und aufmerksam.

Und die Gäste? Man sieht es an ihren Händen, dass sie nicht vor einem Bildschirm sitzen, sondern körperlich arbeiten. Ihre Sprache ist meist rauh und laut. Sie trinken Bier, Bierschwemmen. Sie plaudern über handfeste Dinge und jeder zückt sein Handy, sobald sich eine Gelegenheit dazu ergibt. Alle sind per Du und tragen Vornamen, die man von Gotthelf kennt. Manchmal mischen sich auch originelle Typen mit den Einheimischen. Ordinäre  Frauen. Hochdeutschsprechende. Eine Gestalt mit einem ellenlangen, grauen Bart. Der junge Mann, ganz in Leder gehüllt. Er hat sich ein schiefes Häuschen ohne Komfort an einer schönen Lage – auf Bauernland – gebaut und lebt von den verschiedensten Verrichtungen. Der Bube hat ein goldenes Gemüt, er ist dem Mittelalter verschrieben ohne wohl je einen Blick in zeitgenssische handschriftliche Chroniken geworfen zu haben, die ihm Auskunft über das wirkliche Mittelalter gäben. Er trinkt übrigens dunkles Bier, denkt vielleicht, es sei Met (in Nordchina um 7000 v. Chr. belegt), Im mittelaterlichen Europa genoss Met  einen hohen Stellenwert.

Nach dem zweiten Espresso und einem Grappa sind die Gäste auf eine Handvoll geschrumpft, obwohl am TV Fussballspiele, Entschuldigung: Europameisterschaften, flimmern. Man gehört nun ein für alle Mal zu den Stammgästen. Zugehörigkeit ist das Grundbedürfnis des Menschen, von anderen Menschen gesehen und akzeptiert zu werden.

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