In der Schweiz spielt wohl gegen eine Million Menschen zweimal jede Woche Lotto. Die Hoffnung, eines Tages den Hauptgewinn zu erspielen, motiviert die Spielenden trotz der Probabilität, nie etwas zu gewinnen, zum Weiterspielen.
Eine Freundin meinte, sie wüsste nicht, was mit einer oder mehr Millionen anzufangen. Was sie habe, genüge ihr. Und es war ihr ernst damit. Wohlig in einem warmen, schaumigen Bad liegend, lässt sich wunderbar von einem Lottogewinn träumen. Man stellt sich vor, künftig als Krösus zu funktionieren. Deine Grosszügigkeit, mir finanziell unter die Arme gegriffen zu haben, belohne ich mit einer Milion Franken. Und ihm, der im Augenblick knapp bei Kasse ist, helfe ich mit fünfhundert Tausend aus, und zwar à fond perdu. In der Gemeinde bekomme ich endlich die Anerkennung, ein wertvoller Bürger zu sein, steuermässig. Ich werde überall eingeladen und mit Ratschlägen, mein Vermögen zu äufnen, überschüttet. Doch ich will mein Vermögen nicht vermehren, ich will es ausgeben, nein verschleudern. Angebote, ein luxuriöses Haus zu kaufen, werden Legion, und es handelt sich um Häuser, die unter der Hand verschoben werden. Man rät mir, diese oder jene Luxuskarosse anzuschaffen, doch ich bleibe bei meinem uralten verbeulten und vergammelten Skoda. Banken buhlen um meine Gunst, doch ich ziehe es vor, die Millionen im Haus aufzubewahren, im ganzen Haus zu verteilen. Zudem schliesse ich mein Haus selten ab, doch jene, die es wagen, Wertvolles zu suchen, schrecken angesichts des Chaos, das herrscht, entsetzt zurück. Ich lache mir über soviel Gier ins Fäustchen und beklage mich im Lokalblättchen über diesen Materialismus. Als Superreiche kann ich es mir erlauben, Geld zu verachten. In den Restaurants vor Ort überschlagen sich die Beizer, mich zu verwöhnen, ich kann mir Extravagantes leisten, und mir leisten, es zur Hälfte stehen zu lassen. Devot bietet man mir Ersatz an oder wenigstens das teuerste Dessert oder einen Luxusschnaps.
Verändert sich der Charakter angesichts des Geldsegens? Mein Auftreten war nie bescheiden, aber es ist nicht noch unbescheidener geworden. Das Phänomen Geldmangel und drohende Betreibungen oder gar Pfändung ist verschwunden. Da ich weder Nachkommen noch viele Jahre zu leben habe, bin ich niemandem Rechenschaft schuldig über meine exhorbitanten Auslagen. Es bereitet mir Freude, Drogensüchtige zu unterstützen und klassische Orchester, die darben, zu Hauskonzerten oder auf öffentliche Plätze einzuladen und sie dafür fürstlich zu belohnen. An Kunstauktionen biete ich auf Alexej Jawlensky, Lyonel Feininger, Georg Baselitz, Egon Schiele, Louis Soutter, etc. und denke dabei an den legendären Auktionator Jürg Stuker, der lehrte: „Den Preis vergisst man, nicht aber ein entgangenes Objekt“.
Durch meinen Reichtum ist mein Selbstwertgefühl beträchtlich gestiegen. Ich habe bis zu meinem 77. Lebensjahr in zwei völlig verschiedenen Berufen gearbeitet und fand mich danach mit Schulden beladen. Man mahnte mich noch und noch, endlich becheidener zu leben. Für was ich denn ein Haus mit 6 Zimmern brauche und einen Garten rund ums Haus? Warum ich noch immer privat krankenversichert sei? Warum ich dauernd Bücher und Kleider kaufe? Über 50 Jahre gearbeitet und Schulden anstatt Vermögen. Ist das ein Systemfehler, nämlich jenen, Kulturschaffende schlecht zu bezahlen oder mein Fehler, über meine Verhältnisse zu leben, anstatt mich einsichtig nach den realen Verhältnissen zu richten?
Tempi passati. Nun habe ich Rückgrat. Eine neue Identität. Wer hat denn gesagt, die Armen seien selbst schuld an ihrer Armut? Mit 2 Franken 50 habe ich 10 Millionen erjagt. Welche Ungerechtigkeit!