30. Januar 2022 Doris Schöni 0Comment
Il faut savoir encore sourire                                             Man sollte lächeln können,
Quand le meilleur s’est retiré                                           Wenn das Beste gegangen ist
Et qu’il ne reste que le pire                                              Und nur das Schlimmste bleibt
Dans une vie bête à pleurer.                                            In einem zum Weinen dummen Leben.
(Charles Aznavour)
Mit dem rechten Daumen malt sie eine Acht auf den linken Daumen. Seit dem entsetzlichen Verlust schreibt sie überall und auf alles eine unsichtbare Acht.
Ein Schrei in der Nacht. Es nieselt. Der Ruf eines Namens. Und ein Gepolter an der Tür des Nachbarn. Sie zittert am ganzen Körper und flüstert: „Leila ist gestorben“.
Wenn der Schmerz einen überrollt ähnlich einem Tsunami, gibt es keine Abwehr und man ertrinkt. Aber man ertrinkt ja nicht und der Mut fehlt, sich ertrinken zu lassen. Sie, meine Hündin, bewahrte mich vor dem Erfrieren und Ertrinken in der Aare. Und nun rettet mich niemand mehr. Als ich mit einem Schädelbasisbruch in der November-Aare lag, der Daunenmantel schwer mit Wasser und die Winterstiefel voll gesogen,  lief sie weg und kam erst wieder mit einem älteren Ehepaar, das sie bellend zu mir geleitete, das aber zu schwach war, mich aus dem Wasser zu ziehen. Ein Arbeiter hisste mich schliesslich an Land, die Sanitätspolizei hüllte mich in Silber und fuhr mich weg; sie wurde in ein Hundeheim gesteckt, aus dem sie Freunde von mir befreiten. Sie hat mein Leben gerettet – eines zum Weinen dummen Leben – ich konnte ihres nicht retten. Und nun stehe, sitze und liege ich da, hilflos vor Schmerz und Trauer, ein dreizehnjähriges harmonisches Zusammenleben ist abrupt stillgestanden, abgerissen, das Beste, die beste aller Beziehungen.
Sie schreibt mt der linken Hand eine Acht auf ihren rechten Schenkel. Je nach Situation beginnt sie in der Mitte der Acht mit einer Schlaufe nach  rechts, sticht dann hinunter zu einer rechten Schlaufe und vollendet die Zahl, indem sie zum Anfang zurück kehrt.

Kurz bevor sie im Garten starb, kam sie zu mir und ich bemerkte nicht, dass sie sich für immer verabschiedete. Ich wusste, dass sie sehr krank war und es keine Heilung in ihrem Alter mehr gab, da sie jedoch ihre Schmerzen verbarg, wiegte ich mich in falschen Hoffnungen und verdrängte das Unvermeidliche. Diesen Schmerz kennen alle Hundebesitzer. Je nach Charakter und Befindlichkeit beschaffen sie sich unverzüglich eine neue Begleitung oder empfinden einen solchen Austausch als Verrat. Jene dazwischen warten einige Monate, bevor sie sich für einen neuen besten Freund des Menschen entscheiden. Wenn man aber mit dem schönsten, liebsten, intelligentesten, empathischsten, verständigsten Traumhund zusammen gelebt hat, was dann? Sie malt eine Acht auf die Karosserie des Autos, das sie danach jeden Tag zu Hundespeziergängen fährt, jene Hundespeziergänge, die sie sehr oft mit ihrer Hündin unternommen hatte. Sie spricht zu ihr: Siehst du, immer  wieder dasselbe. Betty – die Hündin der Freundin, die sie nun begleitet – kommt einfach nicht. Du bist immer gekommen, immer, auch als du krank warst. Und weint „warum hast du mich verlassen?“

Letzthin wurde sie von einer Frau, die sie nicht kannte, angesprochen: „Ihr Hund hat doch ihr Leben gerettet. Wo ist er?“ Sie schüttelte verneinend den Kopf. Das war vor 9 Jahren. Die Hundenheldentat bleibt unvergessen. Wieder dieser stechende Schmerz „ich habe ihr Leben nicht retten können und nicht realisiert, dass sie sich von mir verabschiedete“. Sie starb allein im Garten.

Die unauslöschlichen Erinnerungen. Als Welpe frass sie einen Joint und benahm sich sonderbar. Sie telefonierte dem Nottierarzt, zog sich eiligst an und raste zur Tierarztpraxis. Als sie den Hund auf den Arm nahm, bemerkte sie, dass sie ihre Jeans verlor – in der Eile hatte sie die falschen angezogen. Der Arzt gab dem Welpen eine Spritze,  das Hündchen erbrach das Cannabis und war schnell wieder munter. Da sie kopflos weggerannt war, bat sie den Tierarzt um eine Leine, er bastelte eine aus Schnur und fragte sie: „Brauchen Sie auch eine für Ihre Hose?“
„Ich hatte viel Bekümmernis“ (Die Offenbarung des Johannes oder die Apokalypse)
Die Apokalypse ist eine thematisch bestimmte Gattung der religiösen Literatur, die „Gottes Gericht“, „Weltuntergang“, „Zeitenwende“ … in den Mittelpunkt stellt (Wikipedia). Es war nicht nur „Bekümmernis“, das vorige Jahr, es war eine Apokalypse. Die übrigens andauert.

Die hässlichsten und schlimmsten Phasen meines Lebens haben mich nicht derart gebeutelt. Meinen Traumhund tot auf dem Rasen zu finden, kurze Zeit nachdem er sich von mir verabschiedet hatte: Ich weinte nicht, ich bestand nur noch aus Zittern und Schlottern. Die nötigen Gänge der nächsten Tage überstand ich fast teilnahmslos; wie wohl die meisten Menschen in dieser Situation war ich erstarrt, versteinert, verholzt. Und verkrüppelt. Amputiert. Entleert. Eine Hülle.

Acht Monate sind seither vergangen, Trauer und Schmerz haben nichts von ihrer Intensität verloren, das Gegenteil geschieht. Beim Anblick jedes Border Collies überkommt mich eine grosse Wehmut. Ich bin nicht bereit für einen anderen Hund, ich empfinde es als Verrat, obwohl mich Hundekenner umstimmen möchten mit der Logik, dass ich einen anderen Hund auch lieben würde, ohne meine Traumhündin weniger zu lieben. Der Verlust eines Menschen ist leichter zu verschmerzen. Diese Empfindung mag misanthropisch klingen … . Wie kann man einen Hund über den Menschen stellen?

Wie oftmals Witwen und Witwer spreche ich zu ihr, wiederhole unsere gemeinsamen Worte und Sätze, rufe sie, scherze mit ihr, was sie mochte, frage, „warum hast du mich verlassen, du hättest doch noch einige Jahre leben können?“ Sie war ihr Leben lang gesund, von einem Beinbruch erholte sie sich schnell, selbst als sie totkrank war, zeigte sie keine Anzeichen davon. Und dann, und dann

ruft einen die Gegenwart: Nach einem vergnüglichen und trotzdem intellektuell anspruchsvollen Silvesterabend und Sternenhimmel höre ich einige Stunden nach Mitternacht das Requiem von Mozart. Immer wieder …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert