Es gibt Menschen, die schreiben fürs Leben ungern. Anderen schreibt „es“. Eigentlich schreibe – schrieb – ich mit dem Anspruch, das Geschriebene zu publizieren. Nun werden bestenfalls Leserbriefe von mir veröffentlicht. Das ist eine peinliche Niederlage. Meine Schreibe hat keine Bedeutung mehr. Sie ist überflüssig. Darüber hinaus altmodisch ohne Anglizismen und Mainstream-Themen.
Auch meine Themen interessieren nicht mehr. Die unermüdliche Erwähnung des Holocausts, des Nationalsozialismus, des Antisemitismus, der Neonazis langweilt, die Menschen sind müde, darüber nachzudenken, wollen dieses Thema endlich hinter sich lassen, begraben, vergessen. Was treibt mich an, immer wieder darüber zu schreiben? Bewusst habe ich nicht unter diesem Verbrecherstaat gelitten, ob mich meine Mutter aus Angst und Schrecken einen Monat zu früh gebar, werde ich nie erfahren. Ich habe keine Beziehung zum Judentum, weiss erst von den vielen Verwandten aus der ganzen Welt, die in den fünziger- und sechziger Jahren zu Besuch kamen, von meiner mütterlichen Herkunft. Es entgeht übrigens meiner Kenntnis, warum meine Schwester diese mütterliche Herkunft derart heftig ablehnt und behauptet, sie sei meine Erfindung. Sie widersetzt sich jeglichem Gespräch über dieses Thema. Waum aber fühle ich mich meinem Cousin aus Haifa so nahe? Einbildung? Trotz unterschiedlicher Lebensweise, Kultur, Sprache und Lebenserfahrung habe ich ein Gefühl von Gemeinsamkeit und Verbundenheit, anders als meine übliche Verwandtschafts-Verdrossenheit? Ich hege einen Verdacht, den ich aber vorläufig für mich behalte.
Warum also schreibe ich all diese Blogs „pour une queue de cerises“? Stattdessen könnte ich Ordnung schaffen, dem häuslichen Chaos endlich einmal die Stirn bieten, seit bald zehn Jahren wohne ich an diesem fantastischen Ort, noch immer ist ein ganzes Zimmer vollgestopft mit ungeordneten hunderten oder gar tausenden von Büchern. Sind die Blogs Ausreden für meine Faulheit?
Es gibt Menschen, die schreben fürs Leben ungern. Anderen schreibt „es“.