Wer erinnert sich noch an Marianne, die kleine anorexische Mutter dreier Töchter, die viel zu früh an Lungenkrebs erkrankte und starb?
Wir lernten uns an der Aare dank unseren Hunden kennen. Sie plantschte mit ihrer Mira in der Aare, immer geschützt mit einem Sonnenhütchen. Mira war eine Strassenhündin. Hübsch, eigenwillig und verfressen. Marianne hielt sie kurz, wog ihr Fressen ab und erlaubte ihr keine Zwischennahrung. Deshalb war Mira ständig hungrig und büxte aus, um im Fähribeizli irgend etwas Essbares zu ergattern. Nichts konnte sie aufhalten, wenn sie eine Fressattacke überfiel. Marianne erzog sie streng und konsequent. Trotzdem setzte Mira immer ihre Gelüste durch, auch wenn Marianne sie mit hoher Stimme zu bändigen versuchte.
Mariannes Leben war ein Missgeschick ohne Ende. Ihre Eltern waren beide Lehrer, die Mutter entpuppte sich als Hexe, die ihre drei Töchter schikanierte. Als Älteste hatte Marianne eine Art Vorbildsfunktion, war eine gute Gymnasiastin. Ihre erste Liebe erwies sich als derart katastrophal, dass sie die Schule schmiss und einen medizinischen Hilfsberuf lernte. Sie litt unter Magersucht und war wiederholt in Kliniken, in denen sie zwangsernährt wurde.
Sie heiratete, um von zu Hause wegzukommen. Diese Verbindung war unglücklich, ein Glück für Marianne waren hingegen ihre drei Töchter. Sie bemühte sich um deren Ausbildung und Bildung, förderte sie musikalisch, liess sie unterrichten, schulte ihre Stimmen, unterstützte sie. Sie nahm immer teil an den Musikstunden und mischte sich in die Ausbildung ein. Sie ermöglichte es den Mädchen, kleine Konzerte zu geben, an denen sie sich ebenfalls beteiligte. Sie spielte leidlich Klavier und litt unter schrecklichem Lampenfieber.
Anlässlich einer Party, an der sie nicht eingeladen war, rief sie einige von uns nach draussen, um uns mitzuteilen, dass sie von Krebs befallen war. Wir bedienten uns der üblichen tröstenden Worte, die Optimismus beschwören, Optimismus für uns selbe, Trostpflästerchen gegen die eigene Angst. Wir luden sie zu Spaghetti und Himbeersirup ein, verwöhnten sie und mieden das Thema Krebs. Sie erlaubte sich zwei, drei Zigaretten, sie schämte sich, Raucherin zu sein. Eines Tages wurde sie in eine Palliativ-Einrichtung gebracht, wobei ihr Aufenthalt aus Gründen der Krankenkasse immer wieder abgebrochen werden musste.
Sie starb in Anweseheit ihrer Töchter und von Mira.
Natürlich erinnere ich mich an Marianne und auch an Mira (die wir immer wieder heimlich fütterten zum grossen Ärger von Marianne.) Ich kann nachvollziehn, dass du in deiner momentanen Situation an sie denkst, da der gemeinsame Nenner „Krebs“ euch irgendwie verbindet. Das ist jedoch auch die einzige Gemeinsamkeit! Marianne war die meiste Zeit in ihrem Leben am Jammern und da nützten auch all die aufmunternden Worte von ihrem Umfeld nichts (das lange vor ihrer Krebsdiagnose). Wie du richtig sagtes, für ihre Töchter konnte sie einstehen aber nicht für sich selber. Und du kannst für dich einstehen. Du machst ja genau das, schon Zeit deines Lebens. Es gibt Menschen die unter Druck, sei es vom Elternhaus oder von anderswo zerbrechen aber es gibt Menschen, die auf Druck mit Gegendruck reagieren. Zu diesem Menschenschlag gehörst du und wohl auch ich.