Man nennt mich „Gluggere“, weil ich meine Hündin, die seit 12 Jahren mein Leben teilt, nicht unnützen Gefahren aussetze. Bei Strassen mit Verkehr nehme ich sie immer an die Leine, das gibt ihr auch eine Art Schutz. Sobald ich sie nicht mehr sehe, rufe ich ihr. Des Nachts im Sommer liebt sie es, draussen zu sein. Aber ich lasse sie nicht über Nacht im Garten, obwohl er eingezäunt ist.
Fast jeder Hundebesitzer (grässliches Wort, ich besitze meine Hündin nicht) glaubt, sein Hund sei der beste, schönste, liebste, kurz ein Traumhund. Meine Border Collie (Dreiviertel Border Collie, einen Viertel Appenzeller) Hündin ist es tatsächlich. Sie hat zwar einige Macken: Wenn ich huste, niese oder lache bellt sie. Sie bellt viel, weil laute Geräusche ihr auf die Nerven gehen. Zum Beispiel das Ping-Pong-Spiel, das Anstossen der Gläser, der Staubsauger. Sie bellt auch, um Leute, die mich besuchen, anzukündigen. Beim ersten Bellen schnellt sie in die Höhe, um dann loszurennen. In ihren Urwald-Unterschlupf, in dem sie Locher gräbt. Löcher graben ist eine ihrer Leidenschaften, zusammen mit „hölzeln“, Baumstrunke anbeissen, abrapseln, zerstören.
Meine Traumhündin hat mir das Leben gerettet. Es war anfangs November. Ich war mit ihr an der Aare. Vom Ufer versuchte ich, mich mittels eines Asts auf den Aareweg hochzuziehen. Der Ast war morsch und brach, und ich krachte mit dem Hinterkopf auf eine Steinplatte und rutsche mit Stiefeln und Mantel in das etwa 7 Grad kalte Flusswasser. So lag ich im Wasser, fühlte mich wohl und dachte nicht daran, ans Ufer zu gelangen. Ich beobachtete, wie meine Hündin wegrannte, mir war im Wasser nicht kalt, ich hatte weder Kopfschmerzen noch Schwindel, ich wurde wie eine amorphe Hülle von den Wellen sanft hin und her bewegt. Meiner kritischen Lage war ich mir nicht bewusst. Plötzlich kam meine Hündin mit einem ältlichen Paar zurück. Es erzählte aufgeregt, der Hund habe nicht locker gelassen, bis Frau und Mann ihr folgten. Es gelang dem Paar nicht, mich aus der Aare zu ziehen, meine Stiefel und der Steppmantel waren mit Wasser vollgesogen. Ein Arbeiter in der Nähe barg mich, die Sanitätspolizei, die von irgend welchen Leuten benachrichtigt worden war, packte mich in eine Goldfolie und brachte mich ins Universitätsspital. Meine heldenhafte Hündin gab die Polizei – ohne mich zu informieren – im Tierheim Oberbottigen ab. Es war ein Zufall, dass Freunde von mir von dem Unfall erfuhren, die Polizei nach meinem Verbleib und jenem der Hündin befragten, und schnurstracks nach Oberbottigen fuhren.
Die Diagnose lautete: Schädelbasisbruch. Man wollte mich über Nacht hospitalisieren, doch ich weigerte mich. Ich musste meine Hündin suchen. Einen beigezogenen Psychologen konnte ich von meiner Bewusstseinsklarheit überzeugen. Mit dem Taxi gelangte ich nach Hause und bat die Freunde, die meine Hündin befreit hatten, mich zu meinem parkierten Auto zu führen, da ich am nächsten Tag arbeiten musste. Doch mein Bewusstsein war alles andere als klar, denn ich krachte in zwei parkierte Autos. Als ich ausstieg und schwankend die Schäden besichtigte, rief ein Mann in der Nähe“diese Frau ist ja total besoffen“ und die Polizei. Sie fuhren mich nach Hause und nach einer Befragung ins Universitätsspital. Ich wurde nicht sehr freundlich empfangen und musste dort übernachten. Am nächsten Morgen entliess man mich mit der Auflage, mich sofort zu meinem Hausarzt zu begeben. Am selben Abend begegnete ich ihm bei einem Konzert. Er war vom Universitätsspital benachrichtigt worden. Er, der zu meinen Freunden gehört, fragte mich halb grimmig, halb amüsiert, ob ich von allen guten Geistern verlassen worden sei. Ich gehöre ins Bett. Jaja, sagte ich, nach dem Konzert. Nach dem Konzert holte mich eine Freundin ab und wir gingen zusammen essen.
Der Hausarzt klärte mich über meine kritische Lage auf. Sollte die Schädlbasis durch eine Erschütterung oder einen Schlag ganz durchbrechen, wäre ich des Todes. Bei den geringsten Beschwerden müsse ich sofort ins Krankenhaus. Hätte ich 10 Minuten länger in der 7 grädigen Aare gelegen, so wäre ich unweigerlich erfroren. Ein schöner Tod, meinte mein Arzt lakonisch. Kopfschmerzen blieben mir erspart. Allerdings erbrach ich mich sehr oft. Das behielt ich jedoch für mich.
Von da an wurde das Zusammenleben mit meiner Hündin noch antiautoritärer.
Als sie 12-jährig wurde, sie ist noch immer sehr lebendig, unermüdlich, kerngesund – ausser einer bösen Liegeschwiele, die ich immer wieder vergesse, zu salben – begannen meine Ängste um die Endlichkeit meiner Hündin. Meine zweite, schwarze Katze starb als Methusalem, was mich sehr betrübte und meine Ängste verstärkte. Ich vermied, mir vorzustellen, ohne meine Traumhündin zu leben. Die einzige Lösung, diese unweigerlich eintretende Tatsache zu antizipieren, bestand im vagen Plan, unverzüglich nach Israel zu meinem Cousin und seiner grossen Familie, die ich nicht kenne, zu flüchten und alles hinter mir zu lassen. Ich weine oft und lasse mir die Tränen aus dem Gesicht zu lecken.