23. Januar 2023 Doris Schöni 0Comment

Herr Wendehals und seine 14-jährige Tochter waren allein zu Hause und beschlossen, eine TV-Dokumentation über das Dritte Reich und den Holocaust anzusehen. „Ob sie nicht etwas jung für eine solche Geschichte ist“? fragte sich der Vater insgeheim. Sie hatte bisher jedenfalls nicht erzählt, im Geschichtsunterricht davon gehört zu haben.

Während der dreistündigen Sendung hatte sie kein Wort gesprochen. Einige Male war er in sein Büro gegangen, um eine Zigarette zu rauchen. Und jedesmal, wenn er zurückkam, hatte sie sich wie eine Katze tiefer im Fautueil Louis XIII zusammengerollt.

„Zeit, zu Bett zu gehen“, erklärte der Vater nach der Dokumentation, die ihnen die entsetzlichsten Verbrecher des Nationalsozialismus veranschaulicht hatte. Tochter Gaia legte die Kopfhörer auf den Tisch und forderte: „Nein. Sprechen“. Herr Wendehals setzte sich wieder. „Ich höre“, sagte er formell. „Deine Mutter, meine Oma, gebar sie dich nicht am Tag, als Hitler Frankreich, ihr Heimatland, eroberte?“ Vater Wendehals antwortete widerwillig: „Ja und?“ Gaia: „Das muss doch für sie katastrophal gewesen sein.“ Wendehals: „Ich weiss es nicht, Gaia, sie hat nie ein Wort darüber verloren.“

„Oma war doch Jüdin,“ insistierte Herr Wendehals‘ Tochter. Dieser korrigierte „reformierte Jüdin.“ Gaia antwortete mit einem Begriff, den sie eben aufgeschnappt hatte „Dolchstosslegende.“ Der Vater schüttelte den Kopf: „alles ist derart kompliziert.“

Samuel Wendehals fuhr fort: „Zu jener Zeit vor bald 80 Jahren war es gefährlich, sich, als Jude zu outen. Auch in der Schweiz. Der Bundesrat gewährte wenigen Juden die Aufnahme in der Schweiz. Er fürchtete, eine grössere Anzahl von Juden würde den Antisemitismus im Land anheizen. Es gab viele Antisemiten, man wollte sie so niedrig halten wie möglich. Die Folge davon: deine Grossmutter verschwieg, dass sie aus einer jüdischen Familie stammte. Ihr Leben lang.“

Gaia versank in Schweigen.

Auch Herr Samuel Wendehals schwieg.

Gaia äusserte einen sehr erwachsenen Satz: „Konnnte sie je ihres Lebens wieder froh werden?“ Ihr Vater verneinte. „sie war so sehr verängstigt, dass es niemand wissen durfte. Als in den 50er und 60er Jahren viele ihrer Verwandten aus allen Teilen der Welt sie besuchten, wurden sie als „angeheiratet“ identifiziert.“ Gaia: „Heute jedoch braucht man keine Angst mehr zu haben?“ Eine zögerliche Antwort beendete den Austausch zwischen Vater und Tochter: „Sei dir dessen nicht zu sicher, Gaia.“

Epilog: „Wendehals“ ist eine Bezeichnung für Menschen, die Haltung, Gesinnung, politische Überzeugung und Zugehörigkeit zu einer Partei oder Organisation anhand der politischen oder gesellschaftlichen Lage ausrichten. Der „Wendehals“ beendet die Zugehörigkeit zu einer Partei oder Organisation abrupt, wenn die Lage sich ändert. Er tritt einer anderen Partei oder Organisation bei, wenn er sich Vorteile durch einen Wechsel erhofft.

Wendehals ist der Name eines Vogels aus der Familie der Sprechte. Sie werden „Wendehals“ genannt, da sie ihren Kopf aussergewöhnlich drehen können. Er wurde zum Vogel des Jahres 1998.

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